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Das vestibuläre System

Das vestibuläre System

Auf der Suche nach Balance

Das vestibuläre System liegt in unserem Innenohr und ist für unser Gleichgewicht zuständig. Patrick Meinart erläutert, wie das System funktioniert, welche Symptome bei vestibulären Defiziten auftreten und welche Übungen den Gleichgewichtssinn verbessern können.

Wackelbretter, Schaumstoffkissen, Matten und andere instabile Untergründe werden primär im Training der Balance eingesetzt. Die Geräte erzeugen eine Instabilität, die die Balance durch das Training verbessern soll. Leider ist dieses Training meist nicht spezifisch, da wir im Alltag selten auf wackeligen Untergründen stehen. Denn selten ist der Untergrund das Problem, sondern eher die posturale Kontrolle während dynamischer Bewegungen, also das Vermögen des menschlichen Körpers, unter dem Einfluss der Schwerkraft eine aufrechte Körperposition beizubehalten. Daher sollte ein Balancetraining bei der optimalen Funktion diverser neuronaler Systeme ansetzen, bevor es an die Veränderung der Umgebung geht, wie z. B. durch die Erzeugung eines wackeligen Untergrundes. Denn Balance beginnt immer zuerst im Gehirn.

Der Weg zur Balance

Für unsere Balance ist das vestibuläre System zuständig. Dieses befindet sich im Innenohr und besteht hauptsächlich aus den Bogengängen und den Makulaorganen Sacculus und Utriculus. Es gibt drei Bogengänge (horizontal, anterior und posterior), welche die angulare Bewegung des Kopfes registrieren, also jedweder Form von Winkelveränderung. Die Makulaorgane empfangen lineare Bewegungen des Kopfes, also vor – zurück, rechts – links und auf – ab. Basierend auf dieser Funktion lässt sich schlussfolgern, dass das vestibuläre System primär auf die Bewegung des Kopfes in eine spezifische Richtung reagiert. Wird der Kopf z. B. nach unten beschleunigt, werden dadurch bestimmte Muskeln unserer Stützmotorik und Extremitäten aktiviert, die dafür sorgen, dass wir uns reflexiv abfangen können, wie es z. B. bei einem Sturz der Fall ist.
Übungen wie der „Walking Lunge“ oder die Kniebeuge aktivieren ebenfalls zum großen Teil das vestibuläre System, da der Kopf hierbei in unterschiedliche Richtungen beschleunigt wird. Je schneller die Bewegung, desto eher kommt es zu der reflexiven muskulären Anspannung als Schutzreaktion vor einer möglichen Verletzung. Interessant hierbei ist, dass das vestibuläre System auch unabhängig von der Gravitation stimuliert wird. Daher ist es sogar möglich, das vestibuläre System ebenfalls beim Tauchen zu stimulieren. Bereits eine einfache Unterwasserdrehung kann das vestibuläre System stark aktivieren und entsprechende Signale an das Gehirn senden.

Input, Augen, Muskeln und Gelenke

Die Augen sind nicht nur zuständig für die Sehschärfe, sondern auch für die Tiefenwahrnehmung, die für unsere Orientierung im Raum verantwortlich ist. Ohne optimal funktionierendes visuelles System verlieren wir unser Bewusstsein dafür, wo wir uns im Raum befinden, worunter auch unsere Balance leidet.
Der Körper liefert unentwegt propriozeptive Informationen über die Stellung unserer Gelenke zueinander. Obwohl unsere Muskeln einen hohen Anteil an Rezeptoren besitzen, befinden sich mehr Rezeptoren vor allem gelenknah bzw. innerhalb der Gelenke. Zu den Rezeptoren gehören hauptsächlich Muskelspindeln, Golgi-Sehnenorgane und Mechanorezeptoren. Die Signale der Rezeptoren werden entweder bewusst oder unbewusst an das Gehirn weitergeleitet. Die bewusste Wahrnehmung erfolgt über die Weiterleitung über den Hinterhornstrang. Alle unbewussten Wahrnehmungen werden über den spinozerebellären Trakt zuerst an das Kleinhirn gesendet und von dort weiter an das Großhirn kommuniziert.
Alle Informationen gelangen unter anderem zum Kleinhirn, das dem vestibulären System hilft, das Gleichgewicht anzupassen und entsprechend der Situation anzugleichen. Das Kleinhirn ist dabei bemüht, vor allem die spinale Stabilität während einer Bewegung zu wahren, da die Haltungskontrolle primär auf der Stabilisierung der Wirbelsäule mit dem Kopf als „General“ erfolgt. Daher ist ein instabiler Nacken auch ein mögliches Symptom für ein mangelhaftes vestibuläres System. Mit Instabilität ist dabei eine schlechte Haltungskontrolle entsprechend der anfallenden Notwendigkeit gemeint.

Grundlage vieler motorischer Fertigkeiten

Ohne eine optimale Funktion des vestibulären Systems hätten wir keine Balance. Wir könnten nicht aufrecht stehen, gehen, geschweige denn laufen. Beim Gehen würde das Bild verschwimmen, da unsere Augen nicht in der Lage wären, das Bild aufgrund der Auf- und Ab-Bewegung des Kopfes automatisch zu stabilisieren. Für die Blickstabilisierung während des Laufens ist der vestibulocollische Reflex verantwortlich. Dieser Reflexbogen verläuft vom Sacculus über den inferioren Anteil des Vestibularnerven bis hin zum M. sternocleidomastoideus, der hauptsächlich für die Stabilisation des Kopfes verantwortlich ist. Der vestibulookuläre Reflex (VOR) stabilisiert den Blick während einer Kopfbewegung und der vestibulospinale Reflex passt die Körperhaltung bei schneller Bewegung an. Balance ist daher nie statisch, sondern immer dynamisch und abhängig von der Bewegung des Körpers im Raum.
Mangelnde Bewegung ist eine mögliche Ursache für den Verlust der Balance. Er resultiert in vielen Verletzungen, die im Alltag durch Stürze hervorgerufen werden. Etwa 70 Prozent aller Stürze sind auf eine Dysfunktion des vestibulären Systems zurückzuführen. Doch Bewegung allein schafft keine Abhilfe, sofern bereits ein Problem vorliegt.

Das vestibuläre System überprüfen

Vestibuläre Defizite können sich in Form von verschiedenen Symptomen zeigen, angefangen bei Schwindel, Kopfschmerzen und sogar Migräne bis hin zu starken muskulären Verspannungen, dem Sehen von Doppelbildern oder Übelkeit. Die meisten vestibulären Probleme bleiben anfangs unentdeckt, da die bestehende Symptomatik selten mit der vestibulären Ursache in Verbindung gebracht werden kann. Primär gilt es, die Funktion des vestibulären Systems im Kontext mit dem visuellen System zu prüfen. Hierbei dient der vestibulookuläre Reflex als primäres Assessment, um die Kommunikation zwischen den Augen und dem Gleichgewichtsorgan zu prüfen.
Die Ausführung des VOR ist nicht nur ein Assessment, sondern auch eine Basisübung, die man problemlos durchlaufen sollte. Dennoch zeigen sich hierbei häufig in spezifischen Bewegungsrichtungen die ersten Defizite. Eine erschwerte Variante dieser Übung ist es, den VOR auf einem Bein stehend auszuführen. Es wird empfohlen, die Gleichgewichtsübungen barfuß auszuführen. Dies ermöglicht die optimale Reizaufnahme des Untergrunds über die Rezeptoren innerhalb der Fußsohle und erleichtert somit die Balance. Gleichzeitig schafft es eine verbesserte Kommunikation zwischen der Propriozeption und dem vestibulären System, was zu einer Verbesserung der Balance beiträgt. Dickes oder weiches Schuhwerk reduziert die Fähigkeit, die Umgebung optimal zu erspüren und somit auch das Gleichgewicht zu halten. Vestibuläres Training mit Schuhwerk ist zwar alltagsnah, aber als erster Schritt zur Verbesserung der Balance ungeeignet.


TEST 1

Wähle zuerst einen Fixpunkt auf Augenhöhe (Bild 1). Dafür kannst du einen Punkt an der Wand oder einen Stift wählen, den du während der Übung fokussiert hältst. Halte während der Kopfbewegungen den Blick dauerhaft auf den Fixpunkt gerichtet und vermeide Augenbewegungen. Optimal ist hier die Unterstützung durch einen Partner, der bei dieser Übung deine Augen auf mögliche Abweichungen beobachtet, da hierbei die Selbstanalyse äußert schwierig ist.

Bewege nun den Kopf mehrmals in die jeweilige Richtung für die Aktivierung des jeweiligen Bogengangs (Bilder 2 bis 5). Jeder Bogengang reagiert auf die Kopfbewegung in eine bestimmte Richtung. Daher kann jede Kopfbewegung immer spezifisch einem der Bogengänge zugeordnet werden. Während der Kopfbewegung sollten nicht nur die Augen stabil bleiben, sondern auch der restliche Körper. Ein Schwanken des Körpers deutet entweder auf eine mangelnde Stabilität des Kopfes oder auf eine schlechte Stützmotorik hin. Beide Probleme können ebenfalls ein Indikator für eine Dysfunktion des vestibulären Systems sein.


TANDEMGANG

Eine dynamisch-aktive Form des VOR ist es, diesen in Kombination mit dem Tandemgang auszuführen.
Stelle dich hierbei in eine Tandemposition, indem du einen Fuß in einer Linie vor den anderen stellst (Bild 6). Führe zuerst in dieser Position einen horizontalen und einen vertikalen VOR aus (Nein-Bewegung (Bild 7) und Ja-Bewegung (Bild 8)).
Der horizontale VOR aktiviert beide horizontalen Bogengänge, der vertikale VOR aktiviert beide anterioren und beide posterioren Bogengänge im Wechsel. Führe nun den jeweiligen VOR gleichmäßig aus, während du dich im Tandemgang vorwärts bewegst. Der VOR sollte während des Gangs nicht unterbrochen werden.


Rhythmische, flüssige Bewegung

Die meisten Testpersonen verlieren häufig den Rhythmus und geraten während des Gangs mit der Kopfbewegung ins Stocken. Daher ist es notwendig, eine kontrollierte, rhythmische und flüssige Bewegung auszuführen und während des Assessments die posturale Kontrolle aufrechtzuerhalten. Ein Schwanken zu einer bestimmten Seite ist Anzeichen für eine einseitige Dysfunktion. In der Regel schwanken wir zu der defizitären Seite, manchmal aber auch nach vorn oder nach hinten. Je nachdem, in welche Richtung wir schwanken, lässt sich ein Rückschluss darauf ziehen, in welchem Bereich des vestibulären Systems das Defizit liegt.
Nur wenn die einzelnen Systeme optimal zusammenspielen und ineinandergreifen, kann Balance erzeugt werden. Balance ist also das Resultat diverser neuronaler Systeme und immer als Output zu verstehen, der ein ideales Maß an Input voraussetzt. Hierbei gilt das Prinzip „Sensorik vor Motorik“, da Output nur basierend auf Basis eines adäquaten Inputs erzeugt werden kann.

Patrick Meinart | Der ausgebildete Sporttherapeut und Psychologe ist Gründer der RELEASE FITNESS Academy und Ausbilder im Bereich des neurozentrierten Trainings. Mit seinem Konzept NEURO SPORTS PERFORMANCE schafft er eine Schnittstelle zwischen Krafttraining, Therapie und Sport auf Grundlage aktueller neurowissenschaftlicher Erkenntnisse. www.release-fitness.com

 

Foto: Garrinch – stock.adobe.lcom; Patrick Meinart

 

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