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Der sechste Sinn – Mobility Training zur Verbesserung der Propriozeption

Der sechste Sinn – Mobility Training zur Verbesserung der Propriozeption

Rezeptoren in den Muskeln und Gelenken vermitteln uns Informationen über unsere Bewegungen, unsere Haltung und die Position unseres Körpers im Raum. Patrick Meinart stellt diesen – auch als „Tiefensensibilität“ bezeichneten – Sinn vor und erklärt, wie er beim Mobility Training geschult werden kann.

Zur Propriozeption (abgeleitet vom lateinischen „proprius“ für „eigen“) gehört die Wahrnehmung unseres Körpers im Raum und der Stellung der Gelenke zueinander, das Gefühl für Anstrengung und die Wahrnehmung von Kraft und Schwere von Objekten. Die Rezeptoren, die für die Wahrnehmung verantwortlich sind, befinden sich in der Haut, in den Muskeln, in den Gelenken und in den Faszien. Sie kreieren eine Symphonie aus Informationen, die über afferente Bahnen durch das Rückenmark zum sensomotorischen Kortex im Gehirn weitergeleitet werden. Dort werden die gesammelten Informationen gebündelt, mit anderen vorliegenden Informationen verglichen und bewertet. Dabei besitzt der sensorische Cortex spezielle Areale, die den Körperstellen direkt zugeordnet werden können. Dadurch lassen sich repräsentative Stellen des Körpers im Kortex direkt lokalisieren, da diese Stellen bei allen Menschen mehr oder weniger gleich sind.

REAKTION AUF EINEN STIMULUS

Der Begriff der Propriozeption geht auf den Neurologen und Medizinnobelpreisträger Charles Sherrington zurück. Er beschrieb, dass unser Körper auf sich selbst reagiert, also auf den Stimulus, der durch muskuläre Bewegung erzeugt wird. Dabei ist Propriozeption jedoch nicht nur auf Muskelarbeit beschränkt, sondern bezieht sich auch auf Signale aus den Arterien, aus den Lungenflügeln und aus dem Darm. Im klassischen Sinne wird Propriozeption jedoch als Wahrnehmung der Bewegung verstanden. Dabei ist die Wahrnehmung abhängig von der Differenz aus erwarteter Wahrnehmung und nicht erwarteter Wahrnehmung. Je größer diese Differenz, desto stärker fällt die Propriozeption aus. Vor allem große Bewegungsamplituden an der Grenze der Gelenkbeweglichkeit führen zu einer stärkeren Propriozeption. Das liegt nicht nur an der eben erwähnten Differenz zwischen dem Erwarteten und dem Tatsächlichen, sondern auch an dem höheren Aktionspotenzial, das von den Rezeptoren an der Grenze der Beweglichkeit ausgeht.

MEHR AKTIVITÄT BEI EXZENTRISCHEN BEWEGUNGEN

Bei exzentrischen Bewegungen ist die Aktivität der Rezeptoren am stärksten, was zu einem stärkeren Signal an den sensorischen Kortex führt. Die Bewegung wird infolgedessen als intensiver wahrgenommen. Dabei füttert sich unser Gehirn durch die Bewegung selbst. Je mehr Bewegung erzeugt wird, desto stärker ist der sensorische Input. Je stärker der sensorische Input, desto stärker das Bedürfnis nach Bewegung. Dabei liefert Bewegung die meisten Signale an unser Gehirn, was dazu führt, dass die Aufrechterhaltung der zentralnervösen Funktion von Bewegung abhängig ist.

STIMULATION ALS VORAUSSETZUNG

Ohne eine ausreichende propriozeptive Stimulation ist Bewegung nicht möglich. Um auf ein bestimmtes motorisches Ziel hinzuarbeiten, benötigen wir propriozeptiven Input. Dabei integriert unser Gehirn die propriozeptiven Informationen mit anderen sensorischen Reizen aus dem visuellen und vestibulären System. Durch das Zusammenspiel der aufgenommenen Reize ergibt sich die Summe an Informationen, die unser Gehirn nutzen kann, um daraus adäquate Bewegungen erzeugen zu können. Defizite in der sensorischen Aufnahme führen zwangsweise zu Defiziten in der motorischen Steuerung. Mobility Training sollte sich daher nicht nur auf die erzeugten Bewegungen konzentrieren, sondern auch auf die Sensorik. Da Bewegung immer die Kombination aus Sensorik und Motorik ist, gilt dies natürlich auch automatisch für das Mobility Training.

AKTIVE BEWEGUNGEN SIND EFFEKTIVER

Mobility Drills aktivieren in erster Linie die Gelenkrezeptoren. Gelenkbewegungen dehnen die Gelenkkapsel, die Haut und die Muskeln auf einer Seite, während die andere Seite nicht belastet wird. Die Ruffini-Körperchen sind für die Signalisierung des Gewebestresses verantwortlich, während die Pacini-Körperchen auf die lokale Kompression reagieren. Passive Bewegungen führen zu einer geringeren Wahrnehmung des Bewegungsausmaßes. In Zusammenarbeit mit muskulären Afferenzen ist die Wahrnehmung der Bewegung stärker. Daher lässt sich schlussfolgern, dass aktive Bewegungen zu einer stärkeren Signalwirkung führen und dadurch das motorische Lernen verbessern.

VARIANTENREICH TRAINIEREN

Mobility Training sollte prinzipiell mit vielen Bewegungsvariationen ausgeführt werden. Je zahlreicher die Bewegungsvariationen und das Bewegungsausmaß, desto stärker wirkt sich dies auf die Propriozeption aus. Dabei dient die Propriozeption der Ausprägung des eigenen Körperbildes. Verschiedene multisensorische Areale sind für die Wahrnehmung des eigenen Körpers verantwortlich. Dazu gehören unter anderem der sensorische Kortex, Teile des Frontallappens und die Inselrinde. Eine bessere Wahrnehmung des eigenen Körpers führt zu einer besseren Wahrnehmung des Körpers im Raum, was sich auch positiv auf die Interaktion mit der Umgebung auswirkt. Dies führt zu einem besseren Bewegungsverhalten im Allgemeinen und erleichtert die Interaktion mit unserer Umwelt.

LOADED MOBILITY

Da sich die Propriozeption auch auf die Wahrnehmung der Belastung, der Anstrengung und von Gewichten bezieht, ist es sinnvoll, Mobility Training mit externen Lasten zu kombinieren, die kontrolliert werden müssen. Loaded Mobility Drills dienen hierbei als Schnittstelle zum Krafttraining. Bei diesen Drills besteht das Ziel primär nicht im Muskelaufbau oder Aufbau von Maximalkraft, sondern in einer Förderung der Propriozeption. Sie können mit Widerstandsbändern oder Gewichten ausgeführt werden. Widerstandsbänder sind vor allem für Anfänger sinnvoll, da diese sicher und sehr variabel in ihrem Widerstand sind. Durch die Variabilität des Widerstands aufgrund der elastischen Eigenschaften des Bandes ergibt sich eine stärkere reaktive Kontrollanforderung. Die reaktive Komponente durch das Arbeiten mit Widerstandsbändern erfordert mehr Ausgleichsverhalten durch das Kleinhirn, das korrigierend auf Bewegungsmuster einwirkt. Gleichzeitig ist das Kleinhirn auf Informationen der Rezeptoren angewiesen, was zu einem Regelkreis aus Afferenzen und Efferenzen führt. Merke: Je stärker die reaktive Komponente bei der Arbeit mit externen Gewichten, desto stärker ist der propriozeptive Effekt.

INTERAKTION MIT DER UMGEBUNG

Da sich die Propriozeption auf die Orientierung im Raum bezieht, sollte dies in das Mobility Training mit einfließen. Dabei ist es wichtig, Übungen auszuführen, die eine Interaktion mit der Umgebung erfordern. Die Verwendung von externen Lasten wie Widerstandsbändern oder Gewichten ist ein erster Schritt in diese Richtung. Eine andere Variante ist, mit Partnern zu arbeiten oder Hindernisse in das Mobility Training mit einzubeziehen. Durch die Interaktion mit der Umgebung verbessert sich die Wahrnehmung des Körpers im Raum, was einem der spezifischen „Teilsinne“ der Propriozeption entspricht.
Durch die starke Vielfalt an Variationsmöglichkeiten ist Mobility Training mehr als nur das Training der Beweglichkeit. Es verbessert grundlegend unsere Bewegungsqualität und hilft uns, unsere Sinne in Abhängigkeit von unserer Umwelt und Umgebung zu trainieren und dadurch einen wichtigen Beitrag für unsere Gesundheit zu leisten.

PATRICK MEINART

Der Sporttherapeut und Psychologe ist Gründer der RELEASE FITNESS Academy und Ausbilder im Bereich des neurozentrierten Trainings. Er arbeitet an der Schnittstelle zwischen Krafttraining, Therapie und Sport auf Grundlage neurowissenschaftlicher Erkenntnisse.
www.release-fitness.com


Fotos: Nils Schwarz


Diesen Artikel inkluvive Übungen und weitere findest du in der TRAINER Ausgabe 04|2020

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