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Gestatten: Die Fußstrukturen

Gestatten: Die Fußstrukturen

Unsere Füße tragen die gesamte Last des Körpers. Sie bestehen jeweils aus 26 Knochen und stellen in Verbindung mit den Gelenken, Muskeln, Bändern und Nervenendigungen ein ausgeklügeltes System dar. Nici Mende erklärt die Anatomie des Fußes und zeigt typische Probleme und Krankheiten auf.

Beginnen wir mit einem Exkurs über die passiven Strukturen: Ein evolutionär perfektioniertes System aus Knochen teilt den Fuß in Zehen (Ossa digitorum pedis), Mittelfuß (Metatarsus) und Fußwurzelknochen (Tarsus) – gut verspannt und gesichert mit vielen Bändern und zusätzlicher Muskulatur. Bis zu den Grundgelenken (Eigelenke) der Zehen finden sich eher minderbewegliche „straffe Gelenke“ (Amphiarthrosen). Dafür sind die Verbindungen der Zehenglieder (Phalangen) gut bewegliche Scharniergelenke. Dieser Verbund bildet spannungsleitende Gewölbe im Längs- und Querverlauf. So kann bei jedem Schritt die Kraft aus dem Fuß weitergeleitet bzw. abgefedert werden.

DIE PLANTARFASZIE

Diese schwere Aufgabe wird von einer derben Sehnenplatte in der Fußsohle unterstützt. Ihr kennt sie als Plantarfaszie oder Plantaraponeurose mit kraftübertragender Verbindung zur Achillessehne. Die Verbindung ist mit bloßem Auge nicht zu erkennen. Erst z. B. auf einer Röntgenaufnahme zeigt sich die Faserverbindung in der Knochenhaut (Periost).
Die Plantarfaszie spannt sich, mit einem breiten Sehnenblatt beginnend, vom Fersenbeinhöcker (Tuber calcanei) bis hin zu den Zehenspitzen. Bereits am Ende des Fersenbeins (Os calcaneus) teilt sich die Sehne in fünf Abschnitte, die am Mittelfuß und im Bereich der Grundgelenke mit Querverspannungen (Ligg. metatarsalia transversa superficiale und Fasciculus transversus) durchzogen werden. Außerdem wird dieser Struktur eine direkte Verbindung zum Y-förmigen, starken Stabilisationsband (Retinaculum extensorum inferius pedis) und einem der Außenbänder (Lig. calcaneometatarsale) zugeordnet. Damit diese natürliche Sohle nicht wie eine zu kleine Einlegesohle im Schuh verrutscht, sind die Fasern der Plantarfaszie direkt mit der Haut verbunden. Zwischen den Verbindungsfasern bilden sich kleine Fächer für die Lagerung von polsternden Fettzellen. Dieses „Fersenpolster“ baut sich im Laufe des Lebens ab.

FUNKTION

Ohne dieses Polster verringert sich der wichtige Druckschutz auf Faszie, Muskeln und Knochen. Diese Region ist reich innerviert, meldet somit Fehlbelastungen und schützt sekundär die Führung der Plantarfaszie. Eine gute Spannung und eine fein abgestimmte Führung wären jedoch wichtig, denn sie dienen, wie bereits erwähnt, als Verspannungsgrundlage und als Auflage für die Fußsohlenmuskeln und deren Schutz. Multidirektional verspannt und vernetzt, bildet die Plantarfaszie eine gute passive Stabilisierung des Längs- und Quergewölbes. Sie verfolgt somit dieselbe Idee wie jede Schuhsohle oder jede fester gewebte Sockensohle. Hattest du schon einmal ein Loch oder nur eine Falte in der Sockenferse oder einen klitzekleinen Stein im Schuh? Dann kannst du nachvollziehen, dass die kleinste „Unwucht“ in diesem System wortwörtlich nervt und dauerhaften Schaden anrichten kann.

MUSKULÄRE UNTERSTÜTZUNG

Bekommt die Plantarfaszienspannung aktive muskuläre Unterstützung? Theoretisch nicht. Sie dient zwar einigen Muskeln als Teilursprung, eine gute mechanische Kraftübertragung erscheint aber eher gering und die Fasern zu fest. Die Kraftweiterleitung in die Achillessehne ist denkbar klein, somit ist die Aufgabe als Spannungshelfer eigentlich nicht effektiv möglich. Und jetzt kommt ein großes ABER: Im Fuß finden sich unzählige fasziale Verbindungspunkte und Logen, die miteinander arbeiten und sich vernetzen. Versuche einmal, die Wade anzuspannen, ohne die Spannung der Fußsohle zu aktivieren. Schwierig, richtig? Da wären wir beim Teamwork aller Strukturen. Wir sollten niemals die nerval angesteuerte Kettenreaktion außer Acht lassen und immer bedenken, dass die wohl stärksten Fußmuskeln aus dem Unterschenkel in den Fuß ziehen. Zur Erinnerung: sämtliche Schienbeinmuskeln und die tief liegenden Wadenmuskeln: M. flexor hallucis longus, M. flexor digitorum longus und M. tibialis posterior.
Fakt: Ohne einen gut trainierten Unterschenkel hat es ein gesunder Fuß wirklich schwer.

PROBLEMATIK

Natürlich gibt es im Bereich des Fußes einen großen Katalog möglicher Verletzungen wie Brüche oder Bandverletzungen. Werden sie therapeutisch nicht versorgt und heilen nicht gut aus, können sie schleichende, verschleißfördernde Prozesse verursachen. Diese sind im Bereich der Plantarfaszie sehr häufig anzutreffen und treiben u. a. als gemeiner „Fersen- oder Kalkaneussporn“ (Fasziitis plantaris) ihr Unwesen. Hier lagert sich als Reaktion auf kleine Verletzungen oder dauerhafte Fehl- und Überbelastungen neues Knochenmaterial im Fersenansatz der Plantarfaszie ab. Zuerst spüren Betroffene Symptome wie einen Anlaufschmerz, eine schlechte Mobilität des Oberen Sprunggelenks (Dorsalextension) oder eine unangenehme Dauerspannung in der Fußsohle. Klare Alarmsignale, sich mehr und nachhaltig um die Gesundheit der Füße und Beine zu bemühen. Diese Anzeichen verebben allerdings z. B. bei fortgeschrittenem oder unbehandeltem Diabetes mellitus, denn die aus dieser Krankheit resultierende Begleiterkrankung Polyneuropathie unterbindet eine Schmerzwahrnehmung. Nicht nur das: Gerade bei Diabetespatienten steigt die Gefahr offener Stellen (Diabetischer Fuß), die nur schwer heilen. Eine rechtzeitige und tägliche Zuwendung ist somit bei Fußschmerzen nötig. Die adäquate Betreuung gehört definitiv in die Hände eines Mediziners, doch wir Trainer und Therapeuten können präventiv und therapiebegleitend gut unterstützen.

KURZE ZEHENHEBER

„It’s just a jump to the left“ singen sie bei der Rocky Horror Picture Show, wahrscheinlich ohne die leiseste Ahnung zu haben, wie viele kleine Muskeln und fasziale Partner jeden Sprung im Fuß abfedern. Im Fußrücken kennen wir schon einige aus den Unterschenkeln kommende starke Partner. Ergänzen wir die fehlenden: Die Mm. extensor digitorum brevis und extensor hallucis brevis finden ihren Ursprung leicht versetzt auf der obenliegenden, dorsalen Fläche des Fersenbeins (Calcaneus). Von hier führen der kurze Zehenstrecker (M. extensor digitorum brevis) und der kurze Großzehenheber (M. extensor hallucis brevis) zu den Grundgliedern der entsprechenden Zehen. Der kurze Zehenheber zieht zu den drei mittleren Grundgliedern (Phalangen II–IV) genau dorthin, wo auch der lange Zehenheber (M. extensor digitorum longus) seinen Ansatz findet. Der kurze Großzehenheber hat ein ähnliches Schema: Er zieht zum Grundglied der Großzehe (Phalanx I) neben den Ansatz des M. fibularis tertius. Damit wird klar, warum wir die verschiedenen Zehen so unterschiedlich heben können und warum die drei mittleren Zehen einen scheinbaren Teamverband bilden. Sie sind tatsächlich ein Team. Der kleine Zeh wird nur vom langen Zehenheber (M. extensor digitorum longus) direkt bedient.

MUSKELN IN DER FUSSOHLE

In der Fußsohle haben wir es mit zehn bis elf Muskeln in einem äußert vierschichtigen System zu tun. Die Schichten befinden sich auch hier in faszialen Logen (Großzehen-, Mittel- und Kleinzehenloge). Diese sind im Fuß nicht eindeutig unterteilbar und werden in der Literatur sehr unterschiedlich eingeordnet.

ERSTE SCHICHT DER FUSSOHLENMUSKELN

M. abductor hallucis: Er zieht vom Fersenbein (Tuber calcanei proc. medialis) und mit einigen Fasern aus der Plantarfaszie zur Grundphalanx des Großzehs und teilweise in seine Kapsel hinein. Er kann den großen Zeh abspreizen (abduzieren) und ihn im Grundgelenk beugen (Flexion).
M. flexor digitorum brevis: Er zieht vom Fersenbein (Tuber calcanei proc. medialis) und mit einigen Fasern aus der Plantarfaszie zu den 4 Phalangen der Zehen (II–V). Er beugt sie und unterstützt die Spannung des Längsgewölbes.
M. abductor digiti minimi pedis: Er zieht vom Fersenbein (Tuber calcanei proc. medialis) und mit einigen Fasern aus dem Bindegewebe zwischen Fersenbein und Mittelfußknochen zur seitlichen Grundphalanx des kleinen Zehs. Er beugt diesen Zeh im Grundgelenk und spreizt ihn ab.

ZWEITE SCHICHT DER FUSSOHLENMUSKELN

M. quadratus plantae: Er zieht vom Fersenbein (Tuber calcanei proc. medialis), etwas tiefer als die Muskeln der ersten Schicht, zur Sehne des M. flexor digitorum longus. Er unterstützt und verstärkt den Sehnenzug und beugt so die Zehen (II–V).
Mm. lumbricales pedis: Sie ziehen aus der Sehne des M. flexor digitorum longus zu den seitlichen Phalangen der Zehen (II–V). Sie beugen die Zehen (V) im Grundgelenk und unterstütze deren Heranführung (Adduktion).

DRITTE SCHICHT DER FUSSOHLENMUSKELN

M. flexor hallucis brevis: Er formt mit seinen zwei Ansatzköpfen im Bereich der Grundphalanxbasis den Ballen des großen Zehs. Seine Ursprünge liegen an Würfel-, Keilbein III (Ossis cuboideum und cuneiforme III) und der Sehne des M. tibialis posterior. Er beugt das Grundgelenk des I. Zehs und wirkt als starke Spannungshilfe für das Längsgewölbe.
M. adductor hallucis: Er zieht zweiköpfig quer aus den Grundgelenkskapseln und dem Lig. metatarsale transversum profundum sowie schräg aus unterschiedlichen Ursprüngen an den Mittelfußknochen II, III + tlw. IV (Ossa metatarsalia II, III tlw. IV) und hier liegenden Bändern zur inneren Grundphalanx des großen Zehs und seinem medialen Sesambein. Er führt den großen Zeh im Grundgelenk heran (Adduktion) und bildet einen starken Unterstützer für die Spannung des Quergewölbes.
M. flexor digiti minimi brevis pedis: Er zieht vom V. Mittelfußknochen (Os metatarsale V) und der Sehnenscheide des M. fibularis longus zur Grundphalanx des kleinen Zehs (Phalanx proximalis). Seine Aufgabe ist die Beugung des kleinen Zehs im Grundgelenk.

VIERTE SCHICHT DER FUSSOHLENMUSKELN

Mm. interossei dorsales pedis: Sie ziehen von den Seitenflächen der Mittelfußknochen zu den Grundphalangen der Zehen II–IV. Sie bewirken das Zehenspreizen (Abduktion) sowie eine Beugung (Flexion) der Zehen II–IV im Grundgelenk und eine Streckung der Mittel- und Endglieder. Mm. interossei plantares: Sie ziehen von den unteren Seitenflächen der Mittelfußknochen III–V zu deren Grundphalangen und ihren kapselverstärkenden Bändern (Ligg. accessoria plantaria). Sie führen die Zehen III–V heran (Adduktion), wirken ihrer Überstreckung im Grundgelenk entgegen und heben das mittlere Zehenglied.

FUNKTION

Es sind viele Muskeln, die uns einen abrollenden und sicheren Gang ermöglichen. Sie sind mitverantwortlich, die Gewölbestruktur längs und quer stabil zu erhalten. Gelingt das nicht, brechen die Gewölbe ein. Es entstehen die berühmten Senk-, Spreiz- oder Plattfüße. Sie begünstigen Schwielen unter den Ballen oder eben die erwähnten Problematiken wie u. a. einen Fersensporn.

SICHERUNG DES GLEICHGEWICHTS

Wie im Rücken, so sind es auch im Fuß die kleinen, tief liegenden Muskeln, die das Gleichgewicht im Stand sichern. Schwankt der Körper, reagieren sie sofort. Stelle dich einmal auf die Zehenspitzen und prüfe die Aktion deiner Zehen: Sie krallen haltend in den Boden. Hebst du sie an, fehlt die Sicherheit im Stand auf den Fußballen. Der Fuß reagiert automatisch und schnell auf jede kleine Bewegung. Er ermöglicht mit einer Abfolge muskulärer Aktivitäten die Abdruck-, Schwung- und Landephase jedes Schritts. Schaut man auf die Ausgewogenheit, übernehmen die Flexoren, sicher evolutionsbedingt, eine übergeordnete Arbeitsrolle.

TRAINING

Die Ansteuerung der Füße kann in jede stehende Übung integriert werden. Ein wichtiges Trainingsziel ist die Schulung der Wahrnehmung im Fuß. Beim Krafttraining für die kurze Fußmuskulatur sollte immer auch die Sensomotorik berücksichtigt werden. Da die kleinen Muskeln im Fuß kaum Überlastungsreaktionen zeigen, ist es wichtig, hier langsam vorzugehen. Zusätzlich benötigt ein optimales Fußtraining auch das Training der Waden- und Schienbeinmuskulatur in voller Amplitude (ROM). Roll- und Massagetechniken der Füße sollten maximal mit gut auszuhaltenden „Wohlfühlschmerzen“ ausgeübt werden. Die Nervenrezeptoren sind hier sehr empfindlich, aber anpassungsfähig. So kann das Ausrollen der Füße von sanft nach fest gesteigert werden, ohne negative Schmerzerlebnisse durchleben zu müssen. Mobilität und Stabilität sollten bitte auch im Fuß sehr ausgewogen trainiert werden.

HINWEIS

Spezielle Übungen für starke und gesunde Füße findest du im Artikel in der TRAINER-Ausgabe 2021/3

Deine Nici Mende


NICI MENDE
TÜV-zertifizierte Personal Trainerin, Dipl.-Trainerin med. Fitness, Adv. Trainerin Fascial Finess. Die Autorin von „Schmerzfrei bewegen“ ist u. a. Ausbilderin beim Glucker- Kolleg Stuttgart, Konzeptentwicklerin von „Fascial Coach“, „Rückenfrei“ und „Sensobility“ und Entwicklerin des FASCIAL COACH deepRING.
www.fascial-coach.de


Fotos:Nici Mende;Fascial Coach.de


Diesen sowie weitere Artikel findest du in der TRAINER Ausgabe 02|2021

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