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Leaky Gut

Leaky Gut

Problemfall „löchriger Darm“

Immer mehr Menschen leiden unter Symptomen wie Völlegefühl, Verdauungsproblemen sowie Energie- oder Mikronährstoffmangel. In vielen Fällen ist ein Leaky Gut die Ursache hierfür. Thiemo Osterhaus zeigt die möglichen Ursachen, Diagnosemöglichkeiten und Therapieansätze hierfür auf.

Neben anderen Barrieren, wie zum Beispiel der Haut und der Blut-Hirn-Schranke, macht der Darm mit einer Oberfläche von ca. 500 qm die größte aller Oberflächen/ Barrieren aus und spielt damit die Rolle einer Pforte in unserem System. In den Barrieren wird Körperäußeres gegen Körperinneres abgegrenzt, weshalb ihnen eine wichtige Rolle bei derFunktion unseres Immunsystems zukommt. Der Darm spielt daher eine entscheidende und zentrale Rolle, wenn es um unser Immunsystem, chronische Erkrankungen oder aber auch das sportliche Leistungsvermögen geht.

BARRIEREFUNKTION

Im Darm ist der Speisebrei – als Körperäußeres – vom Blut – dem Körperinneren – räumlich abgetrennt. Daher muss strikt geregelt sein, welche Stoffe diese Barriere überwinden dürfen und welche nicht. Hier spielt die Größe der Moleküle die entscheidende Rolle. Die einzelnen Enterozyten (Darmzellen) sind durch Tight Junctions (Verbindungen zwischen den Darmzellen) miteinander verbunden. Letztere spielen die entscheidende Rolle, wenn es um den Abstand zwischen den verschiedenen Enterozyten geht, und bestimmen, welche Moleküle in unser System hineindürfen und welche nicht. Ein Problem entsteht, wenn diese Zell-Zell-Verbindungen nicht mehr richtig funktionieren bzw. durch innere oder äußere Reize geschädigt sind und dadurch die Lücke zwischen den Enterozyten größer wird. Dieses Phänomen wird als durchlässiger Darm oder Leaky-Gut-Syndrom bezeichnet.

STRESS ALS URSACHE

Es gibt viele mögliche Gründe für die Schädigung der Tight Junctions. Die häufigste Ursache ist das Stresshormon Cortisol. Dieses erfüllt zahlreiche positive Funktionen – u. a. die Bereitstellung von Energie bzw. Glukose innerhalb von wenigen Millisekunden. Dies wird erreicht über eine Aktivierung der Stoffwechselwege, die Glukose aus den Glykogenspeichern freisetzen, oder aber über das physiologische Leaky Gut. Bei einem physiologisch durchlässigen Darm öffnet Cortisol die Darmbarriere kurzzeitig, damit mehr Energie schneller in unser System aufgenommen werden kann. Dieser Mechanismus funktioniert über die Internalisierung (Aufnahme) der Tight Junctions in die Enterozyten. Das heißt, die Verbindungen zwischen den Darmzellen werden in die Zelle gezogen. Dies erfolgt reversibel, sodass dieser Prozess nach kurzer Zeit, z. B. bei Beendigung des Stressors, wieder rückgängig gemacht werden kann. Hierbei werden sämtliche Moleküle, die sich im Darm befinden, in unser System gelassen, darunter auch negative Teilchen wie Pathogene oder Schwermetalle, aber eben auch Natrium und Zucker, die für die Energiebereitstellung essenziell sind. Als sich dieses System evolutionär entwickelte, war unser Lifestyle noch nicht geprägt von einem dauerhaft erhöhten Cortisolspiegel. Daher kann das physiologische Leaky Gut schnell zu einem pathologischen/chronischen Zustand werden mit einer dauerhaften Öffnung der Barriere.

PATHOGENE

Die zweite und weitaus schlimmere Ursache für das Leaky Gut sind diverse Pathogene (Mikroorganismen), die über verschiedene Mechanismen die Darmbarriere zerstören können. Ein möglicher Mechanismus ist die irreversible Zerstörung der Tight Junctions. Diese können dann nicht mehr, wie beim physiologischen Leaky Gut, zurück zwischen die Enterozyten gebracht werden und damit die Barriere erneut schließen, sondern sind zerstört – und damit besteht dauerhaft eine erhöhte Darmdurchlässigkeit.Die Moleküle, die die Barriere überwinden können, sind eigentlich die gleichen wie beim physiologischen Leaky Gut, aber dauerhaft und damit chronisch. Einige dieser Substanzen, die ein Leaky Gut verursachen können, sind Gluten (bzw. genauer gesagt Gliadin), Casein, Lektine (die in Soja und Hülsenfrüchten vorkommen) oder auch Saponine. Lebensmittel mit diesen Substanzen sollten daher von Betroffenen vom Speiseplan gestrichen werden.
All diese Substanzen können ein Leaky Gut auslösen, müssen es aber nicht. In aller Regel ist es die Kombination schädlicher Substanzen in Verbindung mit Stress und einer sich langsam ausbildenden Bakterien-Dysbiose, also einer Besiedelung von schlechten Darmbakterien.

„Die häufigste Ursache für die
Schädigung der Tight Junctions.
ist das Stresshormon Cortisol.“

DEN TEUFELSKREIS DURCHBRECHEN

Jetzt wissen wir zwar, wie Stress den Darm beeinflusst – aber wie kann man diesem entgegenwirken? Hilfreich sind stressreduzierende Techniken wie eine tägliche Meditation von ca. 15 Minuten und ein tägliches Training bzw. Bewegungspensum von 30 bis 60 Minuten. Wichtig ist zudem herauszufinden, welche die Hauptursache für den Stress ist, und diese dann zu beseitigen. Zudem führt eine chronische Entzündung durch ein Leaky Gut zu einer zusätzlichen Erhöhung des Stresslevels – Betroffene geraten so in einen sich selbst speisenden Teufelskreis aus Entzündung und Stress.

ENTZÜNDUNGEN

Unser Körper braucht für solche Situationen eine Lösung und diese besteht aus einer Entzündungsreaktion. Durch eine Entzündung wird das Immunsystem aktiviert; und dieses bekämpft dann die eingedrungenen Pathogene und Toxine. Als sich diese Lösung evolutionär entwickelte, gab es noch keinen Nahrungsüberschuss, den wir heutzutage haben. Früher musste erst gejagt werden, um dann die verbrauchten Energiereserven wieder auffüllen zu können. Durch den ständigen Verzehr von Nahrung – insbesondere von Zucker – muss unser Magen-Darm -Trakt dauerhaft tätig sein und unser System kann sich zwischendurch nicht erholen. Eine bestimme Zeit einmal nichts zu essen bedeutet Erholungszeit für unser Magen-Darm-System, reduziert Entzündungen und wirkt somit langfristig einem Leaky Gut effektiv entgegen. Und ganz nebenbei trainiert man den Hungerstoffwechsel – den Stoffwechsel, den der Mensch mit am besten steuern kann.
Der größte Teil unserer Erkrankungen heutzutage beginnt mit einer Entzündung. Hashimoto Thyreoiditis als Schilddrüsenerkrankung, neurodegenerative Erkrankungen und Diabetes mellitus als Beispiele für chronische Erkrankungen, aber auch akut lebensbedrohliche notfallmedizinische Erkrankungen wie beispielsweise der Herzinfarkt bahnen sich Jahre zuvor mit einer Entzündung des Herzmuskels an. Daher sollte es immer die oberste Priorität sein, egal welches Ziel gerade angestrebt wird, antientzündlich zu therapieren. Mit das wichtigste Tool an dieser Stelle sind die Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA. Sie gehören bei einer Dosierung von 2-4 g/Tag zu den potentesten antientzündlichen Substanzen, die es in der Natur gibt. Es sollte daher klar geworden sein, dass sie nicht nur beim Management des Leaky Gut eine entscheidende Rolle spielen, sondern auch bei Hautproblemen, zur Leistungssteigerung durch eine verbesserte Regeneration, bei schlechten Cholesterinwerten, zur Prävention und vielem mehr eingesetzt werden sollten.

IMMUNREAKTION

Das Immunsystem reagiert bei einem Leaky Gut auf Pathogene wie Bakterien und Toxine – und genau das führt zu chronischen Problemen. Diese sind sehr vielfältig und oft sehr unspezifisch: Hautprobleme, Völlegefühl, Verdauungsprobleme, Energiemangel, Mikronährstoffmangel oder sogar langfristige Probleme der Schilddrüse. Das Immunsystem produziert u. a. Antikörper gegen die Pathogene. Diese können fehlgeleitet werden und auf körpereigene Strukturen reagieren – das wäre dann eine typische Autoimmunerkrankung. Der Auslöser ist also häufig nicht ganz einfach zu eruieren.

DIAGNOSTIK

Leidet man an den genannten Symptomen, so kann man das Leaky-Gut-Syndrom u. a. durch eine Stuhluntersuchung diagnostizieren. Hierzu dienen Parameter wie das Alpha-1-Antitrypsin oder Zonulin. Es gibt mittlerweile auch einige Selbsttests, bei denen man bequem zu Hause eine Stuhlprobe entnehmen kann und diese dann an ein Labor schickt. Sind diese Werte deutlich erhöht, sollte man zunächst keine Probiotika zu sich nehmen, denn bei einer gestörten Barriere würden damit auch vermehrt „gute“ Bakterien in unser System gelangen, die ebenfalls langfristig Probleme verursachen würden. Es ist wichtig, zuerst die Barriere zu schließen und dann erst eine Triple-Therapie aus Stressreduktion Vermeidung kritischer Lebensmittel und Supplementierung zu beginnen.

SUPPLEMENTIERUNG

Die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln sollte in zwei Phasen erfolgen: In der ersten dreiwöchigen Phase stehen Glutamin, Vitamin D3/K2 und Verdauungsenzyme im Vordergrund. Diese sorgen in Kombination mit dem Verzicht auf Gluten, Lektine und Saponine dafür, dass die Darmbarriere weniger geschädigt wird und sich die Durchlässigkeit wieder verringert. In der zweiten Phase ergänzt man Erstere durch Probiotika, um das Mikrobiom wieder in Balance zu bringen. Ein Supplement, das all dies unterstützt und vor allem dafür sorgt, dass die chronischen Folgen durch seine antientzündliche Wirkung minimiert werden, sind diese essentiellen Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA, die in unserem Lifestyle ebenfalls deutlich zu kurz kommen. Diese Fettsäuren verbessern nicht nur das Entzündungsmanagement, sondern wirken sich sekundär auch auf die Insulinsensitivität und auf deine Bluttfettwerte aus und führen daher zusätzlich auch auf anderen Wegen zu ganzheitlicher Gesundheit.

GANZHEITLICHE MEDIZIN NÖTIG

Spielt dieses Erkrankungsbild in der klassischen Akutmedizin eine Rolle? Leider, wie bei so vielen anderen Ursachen für chronische Erkrankungen, nicht. Du solltest deine Kunden daher den Besuch eines ganzheitlich arbeitenden Arztes empfehlen, wenn der Verdacht auf ein Leaky Gut besteht. Fachärztliche Untersuchungen wie eine Magenoder Darmspiegelung mit unauffälligem Ergebnis sind gut geeignet für eine Ausschlussdiagnostik. Allerdings lässt sich damit ein Leaky Gut nicht ausschließen, da es schlicht und auf diesem Weg nicht diagnostiziert werden kann.

 


THIEMO OSTERHAUS
Der Autor ist Mediziner und Gesundheitscoach. Er ist Experte für funktionelle Medizin mit Schwerpunkt auf chronischen Erkrankungen und der Verbesserung der persönlichen Anpassungsfähigkeit.
www.medletics-academy.de

 


Fotos: eddows – stock.adobe.com


Diesen sowie weitere Artikel findest du in der TRAINER Ausgabe 03|2021

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