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Long Covid

Long Covid

Trainingsansätze aus der Neuroathletik |

Immer mehr Menschen sind von Long Covid betroffen. Christian Borggräfe beschreibt, wie Trainer mit Trainingsansätzen aus der Neuroathletik zu einer Verringerung der Symptomatiken beitragen können.

Long Covid ist der Sammelbegriff für eine Vielzahl gesundheitlicher Langzeitfolgen nach einer Coronainfektion, die auch mehr als vier Wochen nach Beginn der Erkrankung an Covid-19 fortbestehen oder neu auftreten kann. Zu den häufigsten Langzeitfolgen zählen Müdigkeit, Erschöpfung und eine eingeschränkte Belastbarkeit (Fatigue), Kurzatmigkeit, Schlafstörungen, Konzentrations- und Gedächtnisprobleme, Muskelschwäche/-schmerzen sowie psychische Probleme wie depressive Verstimmungen und Ängstlichkeit. Schlimmstenfalls können sich die Symptome manifestieren und der Betroffene wird diese nicht mehr los. Deshalb ist es besonders wichtig, bei den Erkrankten eine Chronifizierung rechtzeitig zu erkennen und die Krankheitszeichen therapeutisch anzugehen. Bei dieser schweren Erkrankung ist das Gehirn häufig durch entzündliche Prozesse mitbetroffen. Die sehr komplexe Struktur des Gehirns und des Nervensystems funktioniert bei Long-Covid-Betroffenen also nicht mehr wie vor der Erkrankung – die Neuronen „funken“ nicht mehr richtig. Schauen wir uns daher erst einmal die Struktur des menschlichen Gehirns genauer an.

DAS GEHIRN ALS ZENTRUM

Unser Leben und alle damit verbundenen Aktivitäten wie unser Denken, Fühlen, Sprechen, Atmen, Schmecken, unser Puls, unser Empfinden und sportliches Treiben – alles wird von unserem Gehirn gesteuert. Wie wir uns gerade bewegen wollen, ob wir in einem bestimmten Moment schnell genug reagieren oder ob wir uns konzentrieren können – die Befehle und damit die Reize, die wir für unser willkürliches und unwillkürliches Handeln bekommen, steuert ganz allein nur das Gehirn. Vom Aufbau sieht unsere „Steuerzentrale“ folgendermaßen aus: Das Großhirn ist, wie der Name schon sagt, der größte und schwerste Teil des Gehirns. Er sieht aus wie eine Walnuss. Das Zwischenhirn besteht aus dem Thalamus und dem Hypothalamus. Im unteren Bereich befindet sich der Hirnstamm, der besonders von den Nachwirkungen der Entzündungen im Gehirn betroffen ist, die durch Covid-19 entstehen können. Des Weiteren ist die Insula (Inselrinde), einer der fünf Großhirnlappen, ein zentraler Bereich, der ebenfalls stark betroffen ist. Im weiteren Aufbau unseres Gehirns haben wir noch das Mittelhirn und das Kleinhirn, graue (Nervenzellkörper) und weiße (Nervenfasern) Substanzen, Hirnnerven, den Liquor (Hirnund Rückenmarksflüssigkeit), das Ventrikelsystem (Hohlräume, in denen der Liquor zirkuliert) und die Blut-Hirn-Schranke (Schutzmechanismus gegen Gifte, Krankheitserreger und andere schädigende Substanzen im Blut). Laut Charité in Berlin, die die Entzündungsmediatoren in der Gehirnflüssigkeit (Liquor) von Long-Covid-Erkrankten analysiert, können die Inselrinde und das Stammhirn betroffen sein. Demnach sollten beim Training Übungen ausgewählt werden, die speziell diese Hirnareale erreichen.

Vestibulookulärer Reflex

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Astbewegung: Die Augen verfolgen das Ziel, wobei der Gegenstand bewegt wird, der Kopf aber ruhig bleibt.

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Kopfbewegung: Während sich der Kopf bewegt, bleibt der Blick auf das (statische) Ziel fokussiert.

ME/CFS

Die Myalgische Enzephalomyelitis/das Chronische Fatigue-Syndrom ist eine schwere neuroimmunologische Erkrankung, die bisher leider noch kaum erforscht ist, obwohl ca. 17 Millionen Menschen weltweit darunter leiden. Auch bei diesem Krankheitsbild sind eine akute Erschöpfung und Schwäche zu beobachten. Muskelschmerzen, übermäßige Müdigkeitsattacken (Fatigue), Herzrasen, „Hirnnebel“, Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen sind häufig. Der Gang ins Badezimmer, das Einkaufen im Supermarkt oder einfach nur aus dem Bett aufzustehen, kann zur Qual und Tortur werden.Wenn sich die Betroffenen einmal mehr anzustrengen versuchen, als ihnen möglich ist, kann eine Verschlechterung des Krankheitsbildes entstehen, die sogenannte Post-Exertional Malaise. Viele Patienten können nicht mehr arbeiten, sind hausgebunden und sogar bettlägerig. ME/CFS ist eine ausgeprägtere Form als das Long-Covid-Syndrom. Betroffene beider Erkrankungen sprechen gut auf Übungen aus der Neuroathletik an.

TRAINING

Eines vorweg: Trainer sollten darauf achten, dass Betroffene nicht ins Schwitzen kommen. Im Gegenteil: „Pacing“ ist angesagt, die Anpassung der Aktivitäten an das eigene Energieniveau. Betroffene brauchen Ruhe, müssen sich oft ausruhen und lernen, die Krankheit anzuerkennen und mit ihr umzugehen. Wie schon erwähnt, kann eine Überforderung zur Verschlechterung des Krankheitsbildes führen. Also sind die Coaches dazu angehalten, „Tempozügler“ einzusetzen und den Kunden Zeit zu lassen. Wir müssen dabei viel Geduld mit den Trainierenden haben. Ein zu starker Trainingsreiz wäre hier unangebracht und das falsche Signal für die zum Teil schwer kranken Klienten. Das Neuroathletiktraining mit Long-Covid- Kunden erfolgt ruhig: Wir trainieren das Gehirn und das Nervensystem als zentrale Elemente der Bewegungssteuerung, um die neuronale Plastizität zu beschleunigen, d. h., wir versuchen, die Nervenzellen und die Synapsen schneller arbeiten zu lassen, damit die Steuerung des Körpers wieder richtig funktioniert. Wir als Trainer müssen bei dieser Kundenzielgruppe in unseren klassischen Trainingsansätzen umdenken: Wir beschäftigen uns beim Long-Covid-Training fast ausschließlich mit dem Gehirn. Der Rest des Körpers und seine muskulären Systeme werden erst einmal nicht in Betracht gezogen, auch wenn der Körper immer eine Einheit bildet und das eine vom anderen gegenseitig abhängig ist – Stichwort: Interdependenz. Wir richten unsere Arbeit und unsere Konzentration bei diesem Training in erster Linie auf die neuronalen Bereiche.

ÜBUNGSAUSWAHL

Um das Gleichgewichtsgefühl zu verbessern, gibt der Trainer dem Klienten die Aufgabe, ein Ziel anzuvisieren, wobei entweder der Blick bei der Bewegung des Ziels mitgeht, der Kopf aber statisch bleibt (Astbewegung, siehe Bild 3), oder der Blick und das Ziel bei der Kopfbewegung statisch bleiben (Kopfbewegung, siehe Bild 4). Ihr vestibuläres System wird gereizt und im Gehirn kommen die nötigen Informationen an, um die körperliche Balance zu optimieren. Die Nervenzellen verbinden sich wieder und der Körper empfängt positive Signale zur Verbesserung. Genauso positiv reagiert der erschöpfte Körper, wenn er seine innere Balance z. B. mit Waldbaden oder Achtsamkeitsübungen wiederfindet. Bei „Shinrin-yoku“ geht der Coach mit dem Kunden in den Wald, spaziert mit ihm in Ruhe über die Wege, bleibt an den Stellen, die dem Betroffenen zusagen, stehen und es werden entspannte Übungen zur Waldluftatmung und Sauerstoffaufnahme durchgeführt. Ein Beispiel für solch eine Übung ist die einseitige Nasenlochatmung, wie sie schon bei den alten Yogis vor vielen Tausend Jahren trainiert wurde. Der Trainer leitet den Betroffenen dazu an, das rechte Nasenloch mit einem Finger zuzuhalten,während durch das linke Nasenloch eingeatmet wird. Dann wird gewechselt und durch das rechte Nasenloch ausgeatmet und wieder eingeatmet, während das linke Nasenloch zugehalten wird usw. Dies kann z. B. bei einer Tachykardie helfen, den hohen Puls bei geringer Belastung zu drosseln. Beim Einbeinstand hat der Trainer die Möglichkeit, das Gleichgewichtsorgan im Innenohr des Kunden zu beeinflussen und somit die Informationen in der Insula abzurufen, um herauszufinden, ob durch Long Covid die neuronalen Prozesse dort eingeschränkt sind. Ist dies der Fall, also kann der Betroffene die Übung nicht lange ausführen (lange heißt ca. 30 Sekunden auf einem Bein), muss die Übung mehrmals und oft trainiert werden. Das isometrische Anspannen trainiert die Muskelkontraktion; es aktiviert die Inselrinde im Gehirn und viele Nervenenden, um z. B. Schmerzen bei Long-Covid-Betroffenen zu lindern. Es senkt zudem den Blutdruck und hilft den Kunden, wieder zu Muskelkraft zu kommen, die durch ihre Erkrankung stark abgenommen hat. Die Energiekrise im Gehirn bei Long Covid und ME/CFS hat auch einen enormen körperlichen Energieverlust zur Folge, da ja alles vom „Zentrum“ geschaltet wird. Funktioniert der Kopf nicht, kapituliert der Körper. Der Trainer sollte diesen Klienten mit auf den Weg geben, auf ihre innere Stimme zu hören, Pausen zu machen, wenn sie sie brauchen, die Kräfte einzuteilen und sich nicht zu übernehmen Der Kunde bestimmt letztendlich das Tempo und die Länge der Übung. Du als Trainer kannst natürlich anfangs Wiederholungs- und Satzanzahl vorgeben, musst dem Klienten aber die Möglichkeit geben, die Übung vorzeitig zu beenden, wenn er nicht mehr kann und frühzeitig ermüdet. Erinnerung: Bei Übertraining kann eine Verschlechterung des Krankheitsbildes nicht reparable Symptome auslösen.

Einbeinstand und Muskelkontraktion

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Einbandstand: Das Propriozeptionstraining auf einem Bein trainiert das Gleichgewichtsgefühl.

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Muskelkontraktion: Das isometrische Anspannen der Muskulatur senkt z. B. den Blutdruck; hier im Bild: „Druck des Körpers gegen einen Baum“.

ERHOLUNG UND ERNÄHRUNG

Wie bereits erläutert, benötigt der Körper bei Long Covid Ruhephasen. Jegliche Überforderung kann zu einem „Crash“ und somit zur „Post-Exertional Malaise“ führen. „Höher, weiter, schneller“ ist das Letzte, was der Kunde jetzt braucht – eher ruhige Spaziergänge und Regenerationsmaßnahmen wie einen Mittagsschlaf usw. Unser Gehirn ist von viel Sauerstoff und Blutzucker (Glukose) abhängig. Auf eine Mangelversorgung reagiert es äußerst empfindlich. Daher: Viel Zeit an der frischen Luft verbringen – das Training kann dort sehr gut durchgeführt werden! Eine Ernährungsweise mit viel Obst und Gemüse halten den Blutzuckerspiegel konstant, die Neuronen bleiben besonders gut wach und „funken“ somit besser. Auch Schokolade ist erlaubt, denn sie liefert besonders schnell den Zucker, den das Gehirn braucht, auch wenn es dadurch danach wieder zu einem schnellen Abfall des Blutzuckerspiegels kommt. Kurzfristig ist diese Art von Zucker vor einem Neuroathletiktraining sinnvoll, um das Nervensystem zu füttern, damit die neuronalen Übungen effektiv, schnell und positiv funktionieren und verarbeitet werden. Wie schon erwähnt: Wir trainieren hier in erster Linie den Kopf, nicht den Körper, und brauchen dafür „Nervennahrung“ im wörtlichen Sinne!

FAZIT

Die gute Nachricht zuerst: Long Covid kann durch die richtige Anleitung und Übungsauswahl des Trainers behandelt werden. 10 Prozent der Infizierten von Corona bekommen Long Covid. Wenn es frühzeitig erkannt und mit dem Training schnellstmöglich begonnen wird, dann klingen bei 90 Prozent der Betroffenen die Symptome nach 6 bis 12 Monaten wieder ab. Die meisten Betroffenen finden ins alte Leben zurück. Es sind überwiegend junge Menschen zwischen 20 und 50 Jahren, die betroffen sind. Der Neuroathletiktrainer braucht viel Erfahrung und Gefühl im Umgang mit diesen Klienten. Er sollte sich gut in seine zum Teil schwer erkrankten Klienten hineinversetzen und nicht zu viel von ihnen verlangen. Jeder Betroffene leidet an unterschiedlichen Symptomen. Deshalb ist es sehr wichtig, das Training individuell und auf die jeweilige Symptomatik des Kunden abgestimmt durchzuführen. Eine Chronifizierung muss verhindert werden. Mit Neuroathletiktraining kann man die Ursache der Erkrankung „an der Wurzel packen“, nämlich in unserem Nervensystem, da SARS-CoV-2 oftmals eine Entzündung im Gehirn auslöst. Die Neuroathletik ist für Coaches eine effektive Trainingsmethode, um diesen Entzündungsprozess zu stoppen, sodass die Neuronenbahnen wieder ihre richtigen Wege finden und der Klient gesunden kann.


CHRISTIAN BORGGRÄFE
Der Rehabilitations- und Personal Trainer arbeitet schwerpunktmäßig im Bereich Neuroathletik mit von Long Covid betroffenen Kunden und Profisportlern.
www.borggraefe-training.de

 


Fotos: Christian Borggräfe

 

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