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Neuroathletik meets Functional Training

Neuroathletik meets Functional Training

Wie lassen sich die beiden Ansätze verbinden?

Welche Schnittmengen haben Neuroathletik und Functional Training? Marina Wrede und David Hillmer beschreiben Parallelen und Unterschiede der beiden Trainingsansätze und zeigen spezifische Übungen für ein gesundes Nervensystem und eine Steigerung der Leistungsfähigkeit.

Neuroathletik ist eine junge Disziplin in der Sportwelt, die immer populärer wird. Und das zu Recht: Die angewandte Neurologie ermöglicht uns ein höchst individuelles Training und eine optimale Betreuung unserer Leistungs- und Breitensportler. Dies gewährleistet Trainern, Coaches, Therapeuten und Athleten ein effizientes Training und eine sinnvolle Therapie mit nachhaltigen Erfolgen. Eine allgemeingültige Definition existiert jedoch nicht. Dies liegt insbesondere daran, dass dieses Thema so umfassend und weitreichend ist. Wir definieren „neurozentriertes Training“ wie folgt: Das neurozentrierte Training basiert auf sport- und neurowissenschaftlichen Erkenntnissen, die alle Untersuchungen über die Struktur und die Funktion des Nervensystems zusammenfasst und interpretiert. Dennoch ist Neuroathletik nicht grundlegend neu. Teilbereiche der Sportwissenschaften und die Neurowissenschaften befassen sich seit Jahrzehnten mit der Neuroanatomie und der Funktionsweise des Nervensystems. Die Herausforderung besteht darin, diese Erkenntnisse in die Bewegungslehre zu transferieren und im Training anzuwenden. Die Begrifflichkeiten „Neuroathletik“, „Neuroathletiktraining“, „angewandte Neurologie“ und „neurozentriertes Training“ können synonym verwendet werden.
Doch was unterscheidet den neurozentrierten Ansatz von bisherigen Ansätzen? Die klassische Trainings- und Bewegungslehre stellt das muskuloskelettale System in den Mittelpunkt der Arbeit. Dieses basiert auf der Annahme, dass das Muskel-Skelett-System jegliche Bewegung steuert. Das bedeutet vereinfacht, dass der Muskel alleinig für die Bewegung verantwortlich ist. Doch Bewegung entsteht nicht im Muskel, sie wird lediglich über den Bewegungsapparat ausgeführt.
Ein enormer Vorteil gegenüber anderen Ansätzen besteht darin, dass das Neuroathletiktraining über die Prinzipien der Sport- und Bewegungswissenschaft hinausgeht und weitere wertvolle Erkenntnisse über das vestibuläre, das visuelle und das taktile System liefert. Dies ermöglicht es uns, Bewegung und Schmerz aus einer anderen Perspektive zu betrachten und neue Lösungen zu finden.

„Wir nutzen Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und bringen diese in den Kontext der Sportwissenschaften.“

FUNCTIONAL TRAINING

Funktionelles Training orientiert sich an dem individuellen Funktionszustand des Kunden. Anhand funktioneller Screenings und Testverfahren werden Dysfunktionen, Asymmetrien und Schmerzen identifiziert und anschließend mittels Korrekturü- bungen auftrainiert. Das Ziel ist es, einen gesunden, leistungsfähigen und schmerzfreien Organismus zu erhalten beziehungsweise zu entwickeln.
In der Lehre und in der Trainingspraxis des Functional Trainings wird insbesondere die funktionelle Anatomie des Bewegungsapparates thematisiert – sprich das Muskel-Skelett-System. Welche Muskeln und Knochen sind an der Bewegung eines Gelenks und eines komplexeren Bewegungsmusters beteiligt? Welche biomechanischen Anforderungen gilt es zu erfüllen, um sich effizient zu bewegen? Neben der Biomechanik liegt ein weiterer Schwerpunkt des funktionellen Trainings auf der Lehre der Herz-Kreislauf-Physiologie. Wie funktioniert das Herz-Kreislauf- System? Welche Trainingsinterventionen sind aus Sicht der Sportwissenschaften zu empfehlen? Und welche Anforderungen gilt es aus neurozentrierter Perspektive, ergänzend im Functional Training zu berücksichtigen?

BEWEGUNGSSTEUERNDE SYSTEME

Beim Neuroathletiktraining wird das Nervensystem erstmals in den Mittelpunkt der Arbeit gestellt. Die Neuroathletik beschäftigt sich mit zentralnervösen Prozessen, die maßgeblich an der Bewegungsplanung und -steuerung beteiligt sind. Das bedeutet: Bewegung entsteht im Gehirn. Doch nicht nur das – auch Schmerzen, Emotionen, Gedanken u. v. m. entstehen im Gehirn. In der neuroathletischen Trainingspraxis gilt es, die Funktionsweise und die Interaktion zwischen dem zentralen und dem peripheren Nervensystem zu überprüfen und individuell zu verbessern. So steigern gezielte neuronale Reize nicht nur die Leistungsfähigkeit, sondern lindern auch Schmerzen und senken das Verletzungsrisiko. Wir betrachten das Individuum immer aus der Sicht folgender drei Systeme, die maßgeblich für die Gesundheit des gesamten Nervensystems verantwortlich sind:
• Das vestibuläre System
• Das visuelle System
• Das taktile System
Unser Gehirn erhält permanent Informationen aus dem vestibulären, dem visuellen und dem taktilen System. Diese Informationen werden im Gehirn aufgenommen, verarbeitet und interpretiert. Anschließend trifft das Gehirn eine Entscheidung. Diese kann sich in Form einer Bewegung, einer Handlung und/oder eines Verhaltens (motorischer Output) äußern. Man spricht auch von dem Input- Brain-Output-Modell.

INTEGRATIONDas Buch zum Thema

Neurozentriertes Training und Functional Training sollten nicht getrennt voneinander betrachtet werden. Elemente und Übungen aus dem klassischen Neuroathletiktraining, wie beispielsweise Blicksprünge, das periphere Sehen und das Training der Gleichgewichtskanäle, können effektiv in das funktionelle Training integriert werden. Das übergeordnete Ziel beider Ansätze besteht darin, Bewegung zu optimieren.
Wählst du für dein Nervensystem die passende Korrekturübung, kannst du beispielsweise mehr Gewicht stemmen, schneller laufen und dich besser bewegen. Das Besondere am Neuroathletiktraining ist, dass das Nervensystem innerhalb weniger Sekunden eine Rückmeldung gibt. Das bedeutet, dass dir dein Körper unverzüglich mitteilt, ob die Übung für dich passend ist oder nicht. Dies erkennst du beispielsweise an einer Veränderung der Beweglichkeit, der Kraft und der Stabilität sowie am Schmerzempfinden.

PRAXISBEISPIEL

Ein „Klassiker“ im Personal Training: Der Kunde klagt über wiederkehrende Hals- und Nackenverspannungen. Aus Perspektive des funktionellen Trainings starten wir mit der Verbesserung der Wahrnehmung des umliegenden Gewebes der Halswirbelsäule, indem wir das myofasziale Gewebe massieren. Ergänzend dazu wählen wir Übungen für die aktive Bewegungskontrolle der Halswirbelsäule. Dazu zählen die Flexion, die Extension, die Rotation, die Lateralflexion, die Protraktion und die Retraktion der Halswirbelsäule. Aus Sicht des Functional-Training-Ansatzes erwarten wir durch die lokale Lockerung und Aktivierung des Gewebes eine Verbesserung der Beweglichkeit und der Verspannung.
Durch das Neuroathletiktraining werden weitere Lösungsmöglichkeiten herangezogen. Mithilfe des Trainings des vestibulären, des visuellen und des taktilen Systems haben wir die Möglichkeit, gezielt Bereiche im Gehirn zu aktivieren, die wiederum einen Einfluss auf die globale Spannungsbzw. Tonusregulation der Muskulatur haben. Über motorisch absteigende Bahnen des Rückenmarks, die durch das Visual- und Gleichgewichtstraining aktiviert werden, haben wir einen unmittelbaren Einfluss auf die Innervation der axialen Muskulatur (Stütz- und Haltemotorik). Aus neurozentrierter Sicht erwarten wir durch Augen- und Gleichgewichtsübungen ebenfalls eine Verbesserung der Beweglichkeit und der Verspannungen der Halswirbelsäule. Hierfür eignen sich beispielsweise die Übung der räumlichen Wahrnehmung mit der Brockschnur und die Sakkadne (siehe Übungen) von nah nach fern.

NEUROATHLETIK ALS GAMECHANGER

Neuroathletiktraining kann ein Gamechanger im Leistungs- und Breitensport sein. Dabei gilt es, das neuronale Anforderungsprofil des Individuums im Alltag und im Sport zu berücksichtigen. In Bezug auf den (Leistungs-)Sport werden durch Neuroathletik enorme Potenziale freigesetzt. Dazu zählen die Verbesserung der Wahrnehmung, der Reaktions- und der Handlungsschnelligkeit und somit die allgemeine Steigerung der sportlichen Leistung. Dennoch ist es ein Irrglaube, dass nur Leistungssportler von dem neurozentrierten Ansatz profitieren. Auch Hobbyathleten und Alltagshelden profitieren von den Möglichkeiten des Neuroathletiktrainings, da bereits kleinste Funktionsauffälligkeiten des Nervensystems bei fehlender Intervention zu (chronischen) Schmerzen und Unwohlsein führen können. Das neurozentrierte Training ermöglicht es, alltägliche Beschwerden wie z. B. Kopfschmerzen und Migräne, Nacken und Rückenverspannungen, Magen-Darm-Beschwerden und Konzentrationsschwächen zu beheben.

FAZIT

Wir möchten uns davon distanzieren, Neuroathletik ausschließlich auf Augenliegestütze, Blicksprünge und Zungenkreisen zu begrenzen. Vielmehr sollten die einzelnen Übungen nach und nach in das Functional Training integriert werden. So kann die Kombination aus Neuroathletik und Functional Training für die Bewegungsoptimierung bestmöglich genutzt werden. Nutzt man die Parallelen der Ansätze sinnvoll, ergeben sich sowohl wertvolle Übungskombinationen für die Trainingspraxis als auch ergänzende Lösungsmöglichkeiten, um wiederkehrenden Problemen wie Kopfschmerzen, Nackenverspannungen, Bewegungseinschränkungen, Gleichgewichtsstörungen u. v. m. effizient entgegenzuwirken.
Bei der Integration der beiden Ansätze wird Bewegung nicht alleinig aus biomechanischer Sicht betrachtet, sondern durch die neurobiomechanische Sicht, die sowohl das Muskel-Skelett-System als auch das Nervensystem berücksichtigt, ergänzt. Bedenkt man, dass das Gehirn als Teil des Nervensystems die Steuerungszentrale bildet und somit dem Muskel-Skelett-System übergeordnet ist, ist es naheliegend, die neurozentrierte Perspektive in den Testing- und Trainingsprozess zu integrieren.

 


MARINA WREDE
Die Co-Founderin von Brain Based Movement hat ihre Expertise im strategischen Management und Marketing mit dem Schwerpunkt Digitalisierung
www.brainbasedmovement. digital


DAVID HILLMER
Der Sportwissenschaftler, Personal Trainer, Ausbilder und Keynote Speaker ist Co-Founder von Brain Based Movement hat seine Expertise in den Themenbereichen „Functional Training“ und „Neuroathletiktraining“.
www.brainbasedmovement.de


Fotos: Brainbased Movement


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Über die Autorin

Mit ihrem Neurozentrierten Training sorgt Luise Walther für Aufsehen in der Gesundheits- und Fitnessbranche. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Individualisierung und Professionalisierung von Trainingsprozessen, um Schmerzen zu reduzieren und Bewegungsabläufe zu optimieren.

Die Spezialistin für Rehabilitation, Verletzungsprophylaxe und Performance- Steigerung stellt die ganzheitliche Betrachtung der körperlichen Leistungsfähigkeit in den Vordergrund. Die zentrale Grundlage ihrer neuroathletischen Arbeit ist die Erkenntnis, dass Schmerzen im Gehirn entstehen.

Aus diesem Grund, so die Überzeugung von Luise Walther, muss Training radikal neu gedacht und umgesetzt werden. Ihre Expertise und internationale Qualifikation besitzen deutschlandweit nur einige wenige Trainer, weshalb namhafte Unternehmen und Medien auf ihre Expertenmeinung zählen. Auch das begeisterte Feedback ihrer Kunden gibt ihrer langjährigen Arbeit und Erfahrung recht.

 

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