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Neuroathletik

Neuroathletik

Wieder ein neuer Fitnesstrend?

Faszientraining, HIIT, EMS – es vergeht kein Jahr, in dem die Fitnessbranche nicht wieder neue Trends und Methoden bejubelt. Zählt Neuroathletik bzw. das neurozentrierte Training auch dazu oder hat dieser Ansatz das Potenzial, sich dauerhaft in der Welt des Trainings zu etablieren?

Die meisten Trends im Sport beziehen sich auf bestimmte Werkzeuge. Der eine Fitnessguru schwört auf die Vibrationsplatte, der andere auf Kettlebells und für den nächsten ist der Schlingentrainer ein unverzichtbares Trainingstool. Andere Trends konzentrieren sich eher auf einzelne Strukturen des menschlichen Bewegungsapparats und sehen das Training dieser als primär zielführend an. In der Regel wird die Bedeutung eines bestimmten Geräts oder einer Struktur jedoch überbewertet. Je mehr Geld die Industrie daran verdient, desto größere Scheuklappen setzt sie den Menschen auf, um den Trend noch weiter zu verstärken. Was nicht erwähnt wird: Bei wie vielen Trainierenden sind die Maßnahmen eigentlich nicht erfolgreich?
Was dabei vergessen wird: Werkzeuge und Übungen sind per se weder gut noch schlecht. Für den einen können Kniebeugen mit der Langhantel eine wirksame Übung sein, für den anderen sind es Pistol Squats mit Gewichtsweste und ein Dritter benötigt wiederum einen völlig anderen Input. Die eine „heilige“ Übung, die jeder im Training machen muss, gibt es nicht! Nur weil ein Werkzeug bei mir persönlich zu großen Erfolgen geführt hat, gilt dies noch lange nicht für den Großteil der anderen Sportler. Übungen müssen individuell dahingehend bewertet werden, ob sie den Trainierenden wirklich näher ans Ziel bringen oder eben nicht.

FÄHIGKEITEN VERBESSERN

Letztendlich geht es im Training immer darum, eine gewisse Fähigkeit zu verbessern – egal ob dies das Heben schwerer Gewichte, schnelleres Laufen oder eine bessere Vorhand im Tennis ist. Wenn dies mit einem bestimmten Werkzeug erreicht wird, ist das großartig – allerdings bleibt das Werkzeug weiterhin nur Mittel zum Zweck. Stelle dir vor, man steckt dich in einen Formel-1-Wagen und erwartet von dir Rundenbestzeiten, auch wenn du kaum Fahrerfahrung hast und zum ersten Mal im Cockpit sitzt. Wie kommst du nun wohl am schnellsten an dieses Ziel: durch einen noch leistungsfähigeren Motor? Durch ein noch besseres Reifenprofil? Alles nur Details! Du als Fahrer musst besser werden. Denn du hast eine Rakete unter deinem Hintern, von der du nicht weißt, wie du sie in Bewegung setzen und steuern musst. Deine Qualität als Fahrer muss sich also steigern! Unser System „Körper“ funktioniert nach demselben Prinzip. Hier ist das zentrale Nervensystem (ZNS) der Fahrer, der die Bewegung steuert und überhaupt erst möglich macht. Wollen wir schneller, besser und beweglicher werden, müssen wir unseren Fahrer stärken, also unsere bewegungssteuernden Instanzen optimieren. Fortschritt ohne die Optimierung des ZNS ist nicht möglich – für jegliche Formen der Trainingsadaptation ist die Steuerung von Bewegung entscheidend!

NEUROPLASTISCHE VERÄNDERUNG

Egal ob im Krafttraining, in der Schmerztherapie oder bei der Gewichtsreduktion – jedem Trainings- und Therapiefortschritt liegt eine neuroplastische Veränderung zugrunde. Wenn du im sportlichen Wettkampf versagst, weil du dein System nicht zielgerichtet ansteuern und koordinieren kannst, interessieren dicke Muskelpakete nicht. Wenn dein Rücken schmerzt, dann musst du an einer Stellschraube drehen, die mehr umfasst als Bandscheiben, Knochen und Muskelketten: am zentralen Nervensystem als die entscheidende Instanz. Neuroathletik ergänzt die Trainingslehre um den Aspekt der gezielten Bewegungssteuerung und bildet damit die eigentliche Grundlage eines jeden Trainings. Bevor wir eine Bewegung umsetzen, analysiert unser Gehirn eingehende Informationen aus unserer Umund Innenwelt, wertet diese aus, integriert sie und entscheidet, wie stark und schnell diese Bewegung ausgeführt werden soll. Wie gut wir eine geplante Bewegung umsetzen, hängt also vor allem von der Qualität der eingehenden Informationen unserer Sinnesorgane ab. Liefert eines dieser Systeme keine optimalen Informationen, drosselt das ZNS sofort die Leistung, schränkt Bewegung ein oder verhindert diese präventiv, da unser Gehirn primär an der unmittelbaren Sicherheit und nicht an maximaler Leistung interessiert ist. In diesem Zusammenhang müssen wir die neuroanatomischen Strukturen in einer funktionalen Weise betrachten, in der wir die bewegungssteuernden Instanzen direkt adressieren können.

TRENDS VERNACHLÄSSIGEN GRUNDLAGEN

Die Vernachlässigung der steuernden Instanz entlarvt meistens die Willkür eines Trends. Denn sobald wir unsere Bewegungssteuerung als Entscheidungsgrundlage für unser Training begreifen, können die dafür zentralen Areale optimiert werden. Der Kortex steuert den bewussten Teil der Bewegung und ist eine ebenso trainierbare Ebene wie das Kleinhirn, das Bewegungen koordiniert und auf Fehler kontrolliert. Auch die Formatio reticularis nimmt als Struktur im Hirnstamm großen Einfluss auf die reflexive Stabilität, die Körperhaltung und das Schmerzlevel und kann als weiteres entscheidendes Areal der Bewegungssteuerung gezielt getestet und durch Training verbessert werden. Wenn wir also wissen, welche Aufgaben den verschiedenen Ebenen unserer Bewegungssteuerung zuzuordnen sind, wie wir diese Systeme testen und gezielt durch Training ansprechen, können wir Trainingsziele effizient und garantiert erreichen. Über Tests können wir abfragen, ob der soeben verpasste Stimulus für eine Person förderlich ist oder nicht. Wir können direkt beurteilen, ob wir zielführend oder ins Blaue hinein trainieren. Die oben erwähnten Werkzeuge können in diesem Kontext auch weiterhin zielführend eingesetzt werden, da auch sie eine direkte Auswirkung auf das ZNS haben. Entscheidend ist dabei nur, dass der Einsatz dieser Werkzeuge bewusst geschieht und zur unmittelbaren Optimierung der Bewegungssteuerung beiträgt.

DAS PROBLEM AN DER WURZEL PACKEN

Bildlich gesprochen: Wer eine erkrankte Rose nur von verwelkten Blättern befreit, wird niemals die Ursache für das langsame Eingehen der Pflanze finden. Eine Symptombehandlung ist zu kurz gedacht – wer die Idee der Neuroathletik versteht, wird die Pflanze insgesamt von unten bis oben untersuchen. Er wird sich die Umstände ansehen, unter denen die Rose aufwächst und, nachdem er sich um die Pflanze gekümmert hat, ihre weitere Entwicklung beobachten und dokumentieren. Neuroathletik ist also kein Trend, sondern ergänzt unsere biomechanisch geprägte Sichtweise von Training und Bewegung um die zentralen steuernden Instanzen und ist somit die entscheidende Grundlage eines jeden Trainings.

 

Fotos: Yassin Jebrini

 

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