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Neurozentriertes Training plus Pilates

Neurozentriertes Training plus Pilates

Wenn neues auf altes Wissen trifft

Neurozentriertes Training wird immer populärer. Stefanie Rahn zeigt, wie sich dieser Trainingsansatz mit klassischem Pilates verbinden lässt und wie du als Trainer dabei didaktisch vorgehen solltest.

Die Grundidee des neurozentrierten Trainings beruht auf der Annahme, dass jedes Training im Gehirn beginnt. Während es früher hieß: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“, wissen wir heute, dass lebenslanges Lernen möglich ist und dass das Gehirn genauso wie die Muskulatur und das Fasziengewebe nach dem Prinzip „Use it or lose it“ funktioniert. Das Schlüsselwort heißt Neuroplastizität. Während das Neurotraining noch sehr jung ist, kann Pilates auf eine lange Tradition zurückblicken. Das wirkungsvolle Bewegungssystem findet auf der Matte und an speziell entwickelten Geräten wie Reformer, Cadillac, Chair oder Barrel statt. Pilates hat seinen Platz im Fitness- und auch im Gesundheitsbereich. Sowohl Patienten auf der einen als auch Leistungssportler auf der anderen Seite profitieren von dieser genialen Methode des Begründers Joseph H. Pilates (1883–1967).

GEHIRNFUNKTIONEN VERBESSERN

Wie können die Erkenntnisse des Neurotrainings den Pilates- Unterricht bereichern? Für die Antwort genügt ein Blick in das Pilates-Übungsrepertoire. Die korrekte Ausführung der Übungen besonders auf hohem Level erfordern ein hohes Maß an Kraft (z. B. Hundreds, Teaser oder Leg Pull), Koordination (z. B. Corkscrew), Beweglichkeit (z. B. Roll Over) und Kontrolle. Diese Anforderungen können aber in krassem Gegensatz zu dem stehen, was das Gehirn als notwendig erachtet. Das Gehirn kann diese sportlichen Herausforderungen als Gefahr einstufen und alles dafür tun, dass der Aktive sein Leistungsvermögen nicht voll ausschöpfen kann. Und so kommt der Rückenschmerz immer bei derselben Übung, die Schulter „friert ein“ oder der Schwindel verhindert das Gleichgewicht bei der Horizontal Balance (Standwaage).
Wenn auch nach vielen Trainingsstunden für all diese Symptome und Einschränkungen keine zufriedenstellende Lösung gefunden wurde, ist es an der Zeit, mit dem Training dort anzusetzen, wo jede Bewegung anfängt und wo über jede Leistungseinschränkung entschieden wird: im Gehirn. Möchte man Leistung verbessern, dann muss man die Gehirnfunktionen verbessern.

INTEGRATION INS PERSONAL TRAINING

Das Personal Training bietet die beste Möglichkeit, das neurozentrierte Training zu integrieren. Nur hier sind individuelle Korrekturen möglich, da der Trainer auf viele Symptome wie asynchrone Augenbewegungen, kleinste Unsicherheiten oder Veränderungen der Mimik achten und sofort eingreifen kann. Um den Einstieg in diese teilweise neue Art der Übungen für den Klienten plausibel zu gestalten, ist es sinnvoll, sie immer dann einzusetzen, wenn es ein offenkundiges Bewegungsproblem gibt, wenn z. B. der Klient auch nach wochenlangem Training noch immer nicht auf einem Bein sicher stehen kann oder sich seine Beweglichkeit nicht verbessert hat. Zum Einsatz kommen Vision Sticks, Vibrations-/Massagegeräte, vielfältige Arten von Rollen und Bällen, Geräusche, Tafeln und Charts, Markierungen an Körper, Boden oder Wand.

INTEGRATION INS GRUPPENTRAINING

Die Integration des neurozentrierten Trainings ins Gruppentraining steht eigentlich im Gegensatz zur Grundidee des neurozentrierten, denn jede Individualisierung entfällt. Vorher-nachher-Effekte können nicht gut aufgearbeitet werden. Gerade bei Verschlechterungen fällt das besonders ins Gewicht, da die Teilnehmer trotz dieser weitertrainieren und mit der neuen, vielleicht unangenehmen Erfahrung den Kurs verlassen. Noch mehr als bei anderen Techniken muss der Trainer das Training sehr verantwortungsvoll gestalten und leiten. Entscheidend für den erfolgreichen Verlauf einer Gruppenstunde mit Elementen aus dem neurozentrierten Training sind Ausgangspositionen, Übungsauswahl, -intensität und -dosierung sowie der methodische Aufbau. Sinnvoll ist, mit dem bekannten Repertoire zu beginnen und nur langsam Neues hinzuzufügen. Bei der Zusammenstellung eines Stundenbildes kann man sich zudem Gesetzmäßigkeiten wie z. B. die „Okulomotorischen Reflexe“ (s. Infobox) oder das System der „Opposing Joints“ (s. Infobox) zunutze machen.

MIT DEM PROPRIOZEPTIVEN SYSTEM BEGINNEN

Im Allgemeinen ist es gerade im Gruppentraining sinnvoll, mit dem propriozeptiven System zu beginnen. Mechanorezeptoren, die verstärkt im Bereich der Gelenke sind, werden mit gezielten Reizen angesprochen und liefern schnelle und umfangreiche Informationen; dies kann mit Gelenkarbeit umgesetzt werden. Einzelne Gelenke werden isoliert mobilisiert und in vollem Bewegungsumfang (ROM) benutzt. Eine sorgfältige Übungsanleitung ist notwendig, um die Aufmerksamkeit des Übenden auf die betreffende Region zu lenken.
Quantitative Anleitungen, bei denen die Aufmerksamkeit eher auf der Anzahl der Wiederholungen liegt, werden ersetzt durch qualitative Anweisungen, die auf die Art der Durchführung abzielen. So wird aus „Mach zehn Fußkreise“ folgende Anleitung: „Zieh den Fußrücken maximal zum Schienbein (Dorsalextension). Dann verkürze die Kleinzehseite (Pronation). Strecke jetzt den Fuß und alle Zehen (Plantarflexion). Lass die Zehen nach innen ziehen (Supination), um dann sorgfältig wieder in der Ausgangsposition anzukommen.“ Die dadurch verbesserte Wahrnehmung der einzelnen Positionen verbessert die Repräsentation des Gelenks im Gehirn und gibt mehr Sicherheit bei künftigen Belastungen des Gelenks z. B. beim Laufen oder Springen.
Eine weitere Möglichkeit, die auch für das Gruppentraining geeignet ist, ist das Arbeiten mit äußeren Reizen wie Klopfen oder Vibration. Das einfache Abklopfen (z. B. mit einer Pilates- oder Faszienrolle) verschiedener Körperteile bereitet auf weitere Übungen in derselben Region vor; ebenso ein Reiben, Massieren oder Ausstreichen.Besonders am Anfang eines Trainings erreicht man so eine allgemeine Aktivierung. Und natürlich ist das Pilates-Prinzip der Atmung ideal, um das Gehirn zu versorgen. Es reagiert positiv auf eine intensive und adäquate Atmung – immerhin verbraucht es auch 20 bis 25 Prozent des Atemvolumens. Die Pilates-Atmung mit ihrem Fokus auf einer langen Ausatmung dehnt das Zwerchfell und mobilisiert den Brustkorb dreidimensional.

FAZIT

Was passiert also, wenn zwei intelligente Techniken aufeinandertreffen, wenn eine bewährte und solide Methode mit einer noch jungen und recht unerforschten Technik ergänzt wird? Wenn altes auf neues Wissen trifft? Ich glaube, Joseph Pilates hätte es recht kritisch beäugt und wäre dann aber von den Resultaten überzeugt worden. Natürlich ist die Kombination von Pilates und neurozentriertem Training eine große Herausforderung für den Trainer. Jede Methode für sich erfordert eine intensive Ausbildung. Doch mit einer gut durchdachten Didaktik und Methodik liefert die Kombination überzeugende Trainingsresultate und macht Pilates zu einem noch effektiveren Training.

STEFANIE RAHN
Die ausgebildete Tänzerin, dipl. Tanzpädagogin und zertifizierte Pilates-Trainerin für Matte, Allegro und Studio führt ein Pilates-Studio in Erkelenz. Sie ist zudem Vorsitzende des Deutschen Pilatesverbands.
www.pilates-verband.org


Foto: Stefanie Rahn

 

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