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Schmerzen

9 Fakten, die du kennen solltest |

Als Trainer und Therapeut hat man ständig mit Menschen zu tun, die zumindest zeitweise Schmerzen haben. Gino Lazzaro stellt neun wichtige Fakten über Schmerzen vor, die ein tieferes Verständnis und mehr Sicherheit im Umgang mit Schmerzen vermitteln.

Bei diesen neun Fakten zum Thema „Schmerzen“ geht es um Aspekte aus der Schmerzphysiologie, der Neurologie, der Rehabilitation und der Verhaltenstherapie. Ziel soll sein, eine Schmerzlinderung zu erreichen. Außerdem soll den Kunden und Patienten zu mehr Aktivität, Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit verholfen werden. Einige dieser Informationen sind auf jeden Menschen anwendbar, während andere bewusst allgemein gehalten wurden, damit sie auf den größten Teil der Schmerzvorkommnisse übertragbar sind.

Da Schmerz ein hochkomplexes Thema ist, sollte die betroffene Person immer in ihrer Gesamtheit betrachtet und nicht nur auf das Symptom Schmerz reduziert werden. Hierfür ist deine qualifizierte Einschätzung als Experte, ob als Trainer oder Therapeut, unabdingbar. Nachfolgend stelle ich dir neun Punkte vor, die dir als Grundlage für eine erfolgreiche Kommunikation mit deinen Kunden und Patieten bzw. eine erfolgreiche und dauerhafte Schmerzreduktion dienen sollen.

1.WISSEN ÜBER SCHMERZEN REDUZIERT SCHMERZEN
Zunächst solltest du deinen Kunden vermitteln, dass allein das Wissen darüber, wie ihre Schmerzen zustande kommen und dass sie aktiv etwas dagegen tun können, ihre Schmerzen bereits reduzieren kann. Wenn du besser vermitteln kannst, welche Faktoren einen Einfluss auf Schmerzen haben und welche nicht, dann werden sich dadurch nicht nur die Motivation und die Mitarbeit deiner Klienten verbessern, sondern auch deren Schmerzen reduzieren..

2. SCHMERZ ENTSTEHT IM GEHIRN
Bevor du jedoch näher auf die beitragenden Faktoren eingehst, sollte erklärt werden, dass Schmerzen im Gehirn entstehen und nicht im schmerzhaften Körperteil. Das Gehirn nimmt zwischen 40 und 400 Millionen Informationen pro Sekunde von unzähligen Rezeptoren im Körper auf, um einen aktuellen „Lagebericht“ einzuholen. Sobald die eintreffenden Informationen in irgendeiner Form eine Bedrohung für den Körper darstellen, reagiert das Gehirn mit Schutzreaktionen. Neben Schmerzen kann das Gehirn auf eine Bedrohung auch direkt mit einer Reaktion in Form von Bewegung (Motorik) reagieren. Hier spricht man von einer „Fight, Flight or Freeze“-Reaktion. Also entweder wird gegen die Bedrohung gekämpft (Fight), es wird geflüchtet (Flight) oder man ist wie versteinert (Freeze). Eine andere Antwort auf Bedrohung, die auch motorischer Natur ist, sind Schreckreflexe, um uns vor einer physischen Gefahr zu schützen – zum Beispiel, wenn wir unsere Arme reflexartig vor das Gesicht ziehen, um einen Ball abzuwehren. Außerdem kann das Gehirn auch mit einer veränderten Aktivität des Immunsystems, des sympathischen Nervensystems (z. B. erhöhte Herzfrequenz und Atemfrequenz) oder des endokrinen Systems (z. B. Ausschüttung von Cortisol) reagieren.

3. SCHMERZ IST MULTIFAKORIELL
Das Gehirn entscheidet, basierend auf einer Vielzahl von Informationen und vorherigen Erfahrungen, ob eine Situation als bedrohlich eingestuft wird. Demnach ist Schmerz von mehreren Faktoren abhängig und wird deshalb auch als multifaktoriell bezeichnet. Der sogenannte Schmerz-Eimer (engl. Threat Bucket) ist eine passende Metapher, um diesen Punkt anschaulicher zu machen. Alle Stressoren, denen der Körper ausgesetzt wird, füllen den Eimer mit Wasser. Hierzu zählen z. B. Unzufriedenheit im Job, eine unglückliche Partnerschaft, übermäßig ausgeübter Sport, Schlafmangel und/oder eine ungesunde Ernährung. Der Eimer kann eine bestimmte Menge an Wasser ohne Probleme aufnehmen. Sobald die Wassermenge jedoch das Fassungsvermögen des Eimers überschritten hat, läuft er über. Und dann antwortet der Körper mit Schmerz und/oder einer anderen oben beschriebenen Schutzreaktion. Es besteht jedoch auch Möglichkeiten, den Füllstand des „Eimers“ zu reduzieren: Zum einen kann sich der Körper zu einem gewissen Grad an Stress anpassen, beispielsweise durch Sport. Durch regelmäßiges Training steigt die Leistungsfähigkeit und zuvor anspruchsvolle Einheiten werden mit zunehmendem Fortschritt leichter. Zum anderen gibt es Maßnahmen, die der Stressreduktion dienen, wie z. B. ausreichend Schlaf, eine gesunde Ernährungsweise, Entspannungsverfahren wie Meditation, ein Spaziergang im Wald, eine gesunde Ernährungsweise und wohltuende Beziehungen. Wenn du deinen Kunden diesen Zusammenhang vermittelst, können sie ihre Schmerzen deutlich besser selbst angehen. Sie haben dann verstanden, welche Faktoren einen Einfluss haben, und können aktiv an diesen arbeiten. Hinzu kommt, dass die Schmerzerfahrung auch von diversen Filtern im Gehirn abhängig ist; diese werden auch interpretative Filter genannt. Du als Trainer oder Therapeut kannst gezielt an diesen Filtern arbeiten, indem du beispielsweise solche „Glaubenssätze“ einer Person veränderst und dadurch einen positiven Einfluss auf die Schmerzerfahrung deiner Kunden nimmst.


SCHUTZREAKTIONEN DES GEHIRNS

Überwiegt die Bedrohlichkeit einer Situation, reagiert das Gehirn wie folgt:
    • Schmerz
    • Motorische Reaktionen
    • Schreckreflexe
    • Immunreaktionen
    • Sympathische Reaktionen
    • Endokrine Reaktionen

4. SCHMERZ HÄNGT NUR WENIG MIT EINEM KÖRPERLICHEN SCHADEN ZUSAMMEN
Einer dieser häufigen falschen Glaubenssätze ist, dass ein struktureller Schaden (wie ein Meniskusriss) mit Schmerzen zusammenhängt. Aus der aktuellen Studienlage geht hervor, dass die Menschen ohne Symptome genauso von Gewebeschäden, Fehlbildungen und Abweichungen betroffen sind wie Menschen mit Symptomen (Register et al. 2012). Schmerz ist viel zu komplex und von zu vielen Faktoren abhängig, um ihn nur auf die Biomechanik oder strukturelle Veränderungen reduzieren zu können. Allein durch dieses Wissen kannst du die Gefahrenfilter „Erwartung“, „Logik“ und „Wissen“ (siehe Punkt 3) deiner Kunden positiv beeinflussen. Es gibt zwar Fälle, in denen ein Gewebeschaden die Hauptursache für Schmerzen ist – diese Fälle machen jedoch die Minderheit an Schmerzerfahrungen aus, weil hierfür in der Regel ein Trauma, wie z. B. ein Knochenbruch, vorliegen muss. Bei Schmerzen geht es viel häufiger um Sensibilität als um Schaden. Die Sensibilität des Körpers gegenüber Schmerzen steigt, je voller der Eimer wird – und hängt somit von all den Stressoren ab, die den Eimer füllen!

5. NEUROPLASTISCHE VERÄNDERUNGEN IM GEHIRN
Ein weiterer wichtiger Punkt für das Verständnis von Schmerzen ist, dass das Gehirn höchst anpassungsfähig ist (Fachbegriff: neuroplastisch). Das Gehirn lernt durch ständige Wiederholung. Dies gilt nicht nur für Sprachen, Bewegungen und Musikinstrumente, sondern auch für Schmerzen. Wenn Schmerzen immer und immer wieder ausgelöst werden, steigt die Sensibilität gegenüber Schmerzen (siehe Punkt 4). Wichtig ist, dass daraus keine Angst vor Schmerzen entsteht. Solange sich die Schmerzintensität im Laufe der Zeit verringert, kann es in gewissen Szenarien, z. B. bei Sehnenbeschwerden, sogar Vorteile haben, gezielt in den Schmerz zu trainieren.

6. DER KÖRPER IST ANPASSUNGSFÄHIG
In vielen Ausbildungen für Trainer und Therapeuten wird von einer technisch sauberen Ausführung oder einer „guten Körperhaltung“ gesprochen. So wird beispielsweise vermittelt, dass die Knie während der Kniebeuge nicht nach innen kippen dürfen oder dass sich die Lendenwirbelsäule beim Kreuzheben nicht runden darf. In Bezug auf die Körperhaltung wird häufig erwähnt, dass man vermeiden sollte, passiv zu sitzen oder zu stehen. Das Problem an dieser biomechanischen Betrachtungsweise ist, dass der Körper einer Maschine gleichgesetzt wird. Eine Maschine nutzt bei einseitiger Belastung ab und geht kaputt. Dies trifft jedoch nur äußerst eingeschränkt auf den menschlichen Körper zu. Tatsächlich ist es so, dass einwirkende Kräfte die Widerstandsfähigkeit der Strukturen erhöhen, indem beispielsweise mehr Knorpel- oder Knochenmasse aufgebaut wird oder auch die Belastbarkeit der Sehnen und Bänder zunimmt. Und dies gilt genauso für als falsch deklarierte Bewegungen oder Haltungen, die den Körper vermehrt in einer Richtung belasten! Es gibt keinen direkten Zusammenhang zwischen biomechanischen Ursachen und Schmerzen. Dies wurde in Bezug auf die Körperhaltung von Swain et al. bestens dargestellt (Swain et al. 2020). Es gibt lediglich Bewegungen oder Belastungen, für die der Körper noch nicht widerstandsfähig genug ist! Ziel ist es also, diese Resilienz mit der Zeit aufzubauen, indem die Intensität und die Dauer von aktuell noch schmerzhaften Bewegungen langsam gesteigert werden. Vermittelst du deinen Kunden diese Tatsache, kannst du ihnen die Angst nehmen, „falsche Bewegungen“ zu machen. Dadurch werden sie sich mit mehr Selbstvertrauen bewegen können, indem sich erneut die interpretativen Filter im Gehirn anpassen (Glaubenssätze, Wissen, Logik).

7. KEINE REPARATUR VOR AKTIVITÄT
Häufig gehen Kunden davon aus, dass sie ein gewisses Ziel erreichen müssen, wie beispielsweise „schmerzfrei zu sein“, bevor sie wieder aktiv werden können. Dies führt bei vielen Betroffenen dazu, dass sie passiv werden, weil sie der Auffassung sind, sich schonen zu müssen. Auch hier kannst du als Trainer oder Therapeut deinen Kunden zu mehr Selbstwirksamkeit verhelfen, indem du ihnen erklärst, dass diese Zwischenziele nicht erreicht werden müssen. In der Regel können Bewegungen oder Übungen so angepasst werden, dass eine sofortige Aktivität ermöglicht wird. Dieser Ansatz wirkt nicht nur auf physiologischer Ebene, sondern kann auch starke psychologische Effekte haben. So kann ein Mangel an Aktivität bei Sportlern ein starker Stressor sein und – bildlich gesprochen – viel Wasser in den Gefahren- Eimer füllen. Demnach sind aktive Ansätze, welche die Eigeninitiative und Aktivität der Trainierenden fördern, passiven Ansätzen stets überlegen!

Arbeitest du beispielsweise mit einem Fußballer, der einen Muskelfaserriss in der Oberschenkelrückseite hat, kann leichtes Dribbling mit dem Ball (selbstverständlich ohne Gegenspieler) die Durchblutung des Zielgewebes fördern und ihm das Gefühl geben, nicht ganz auf den Sport verzichten zu müssen. Oder hat eine Tennisspielerin mit Schmerzen im Ellenbogen zu tun, könntest du ein tennisspezifisches Training für den Unterkörper gestalten. Selbstverständlich sollte hierbei überprüft werden, ob die Belastbarkeit der Person den Ansprüchen der Aktivität gerecht wird. Wenn dem nicht so ist, sollten Anpassungen der Bewegung, Geschwindigkeit, Intensität oder Dauer der Belastung vorgenommen werden.


INTERPRETATIVE FILTER

Die Schmerzerfahrung wird von folgenden Filtern beeinflusst:
    • frühere Erfahrungen („Letztes Mal hatte ich solche Schmerzen.“)
    • soziale Faktoren („Niemand darf merken, dass mir etwas weh tut.“)
    • Wissen bzw. Logik („Mein Knorpel ist kaputt, deswegen habe ich Schmerzen.“)
    • Erfahrungen („Das wird bestimmt weh tun!“)


8. ANGSTBEHAFTETE BEWEGUNGEN EINBAUEN
Insbesondere im Rahmen der Schmerztherapie hat man häufig mit Menschen zu tun, die Angst davor haben, bestimmte Bewegungen durchzuführen. Besonders groß ist die Angst, wenn eine Verletzung oder starke Schmerzen mit dieser Bewegung assoziiert werden. Angenommen, eine Kraftsportlerin berichtet dir, dass sie seit ihrem Bandscheibenvorfall kein Kreuzheben mehr durchgeführt hat. In dem Gespräch mit ihr stellt sich heraus, dass Kreuzheben ihre Lieblingsübung war und sie diese vermisst. Einer der größten Fehler, die im Training und in der Therapie gemacht werden, ist es, mit Angst behaftete Bewegungen zu vermeiden. Es kann in der akuten Schmerz- oder Verletzungsphase notwendig sein, diese Bewegungen auszulassen, um die Sensibilität des Gewebes zu reduzieren. Nach dieser kurzen Akutphase sollte die Zielbewegung jedoch wieder langsam in das Training eingebaut werden. Dadurch können erneut die interpretativen Filter des Gehirns modifiziert werden. War die letzte Erfahrung mit Kreuzheben ein starker Schmerz, wie im Beispiel der Athletin, so hat sich das Gehirn dies gemerkt. Wenn diese Erfahrung nicht mehr überschrieben wird, indem irgendwann wieder ein schmerzfreies Kreuzheben ausgeführt wird, dann wird der Körper stets übermäßig sensibel auf dieses Bewegungsmuster reagieren. Der interpretative Filter „Erwartung“ (siehe Punkt 3) wird vermutlich sagen, dass das nächste Kreuzheben wahrscheinlich genauso schmerzhaft sein wird wie zum Zeitpunkt der Verletzung.

Für eine erfolgreiche Integration der Bewegung in das Training sollten zunächst die Intensität, das Tempo, der Bewegungsumfang und die Dauer der Übung (siehe Punkt 7) angepasst werden, sodass diese möglichst schmerzfrei durchführbar ist.

9. EINE KURZZEITIGE SCHMERZVERSTÄRKUNG IST IN ORDNUNG
Bei chronischen Schmerzen haben bereits neurologische Anpassungen stattgefunden, sodass die Sensibilität gegenüber den Schmerzen erhöht ist (siehe Punkt 5). In diesen Fällen ist es häufig so, dass die Betroffenen zunächst mit mehr Schmerzen reagieren, wenn du sie aktiv werden lässt (bewegungsinduzierte Hyperalgesie). Teile deinen Kunden mit, dass das an der erhöhten Sensibilität liegt, die sie gegenüber Schmerzen aufgebaut haben, und dass sie sich damit keinen Schaden zufügen. Ansonsten kann es dazu führen, dass diese kurzfristige Verstärkung des Schmerzes dazu führt, dass sie ein Angst-Vermeidungs- Verhalten aufbauen (siehe Punkt 8). Es empfiehlt sich, einen regelmäßigen Schmerz- Check mit den Kunden zu machen, um sicherzustellen, dass die Schmerzen von Woche zu Woche nicht zunehmen. Denn solange die Schmerzen mit der Zeit abnehmen, ist alles im grünen Bereich.

FAZIT
Schmerzen sind viel zu komplex, als dass man sie auf biomechanisch ineffiziente Bewegungen oder Haltungen reduzieren könnte. Das Gehirn und damit auch die Psyche der Menschen spielt bei diesem Thema eine enorm große Rolle. In Bezug auf die Behandlung von Schmerzen sollte die Edukation der Kunden nicht zu kurz kommen. Die Entstehungsweise von Schmerzen sollte erklärt werden, um dadurch die Aktivität, das Selbstvertrauen und die Selbstwirksamkeit der Betroffenen zu erhöhen. Wenn du diese neun Punkte beachtest, wirst du eine Schmerzverringerung erzielen und damit auch das Leben deiner Kunden nachhaltig positiv beeinflussen können..


Autorenbild-Gino-Lazzaro

GINO LAZZARO

Der studierte Sportphysiotherapeut bildet Trainer und Therapeuten in den Bereichen Schmerzreduktion, Rehabilitation und Leistungssteigerung aus und betreut als Physiotherapeut Athleten.
www.performperfect.de


Fotos: Sergey Nivens, Gino Lazzaro

Quellen:
Register, B., Pennock, A. T., Ho, C. P., Strickland, C. D., Lawand, A., & Philippon, M. J. (2012). Prevalence of abnormal hip findings in asymptomatic participants: a prospective, blinded study. The American journal of sports medicine, 40(12), 2720–2724.
Swain, C., Pan, F., Owen, P. J., Schmidt, H., & Belavy, D. L. (2020). No consensus on causality of spine postures or physical exposure and low back pain: A systematic review of systematic reviews. Journal of biomechanics, 102, 109312.
O’Sullivan, P. B., Caneiro, J. P., O`Keeffe, M., Smith, A., Dankaerts, W., Fersum, K., & O’Sullivan, K. (2018). Cognitive functional therapy: an integrated behavioral approach for the targeted management of disabling low back pain. Physical therapy, 98(5), 408–423.

Dieser Artikel erschien in der TRAINER-Ausgabe 6-2022:

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