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Sensomotorisches Training mit dem deepRING

Sensomotorisches Training mit dem deepRING

Er fördert fast alle afferenten Informationsbahnen (Sensorik) und gibt direktes Feedback, ob die Übungsausführung (Motorik) dem gewünschten Standard entspricht. Die Reaktion? Meist prickelnd und belebend wie Champagner – nur ohne Champagner.

Ich habe über drei Jahre Menschen gebeten, die Übung „Scheich“ mit dem deepRING für mich durchzuführen und mir ihre Empfindungen zu dieser Übung mitzuteilen. 102 Meinungen habe ich notiert und versucht, die Wirkung zur interpretieren und mit anatomischer Logik zu erklären.

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Funktionsweise des deepRING

Dieser 1,5 kg schwere Ring enthält eine mobile Kugelfüllung, die mit verschiedenen Zielsetzungen das Training bereichert. Zirkulierend wirken Fliehkräfte auf den Körper, die zur automatischen Aktivierung der kleinen, tiefliegenden Muskelgruppen führen. Kippend oder langsam drehend setzen sensorische Brems- und Wahrnehmungsreaktionen ein. Diese zwei Komponenten galten als Hauptaspekt des Feldversuchs.

Durchführung

Den Probanden wurde ein in ein Handtuch eingeschlagener deepRING auf dem Kopf platziert. Der Ring saß fest und gerade, teilweise mit Kontakt zur Nasenwurzel. Nach anfänglichem Orientieren begann das Bewegungskonzept der feinen Kopfbewegung kreisend oder kippend. Die Bewegung konnte frei nach Wohlbefinden progressiv gesteigert werden. Nach zwei Minuten wurde der deepRING abgenommen und die Körperreaktion abgefragt. Sie setzt nach Erfahrung etwas zeitverzögert (ca. 10-20 sek.) ein.

Protokoll: Eingetragen wurden neben allgemeinen Angaben wie Alter, Geschlecht und freiwilligen Angaben zu körperlichen Einschränkungen, die spezifischen Angaben erfasst.

Oberflächliche Wirkung

Die taktilen Reize der unterschiedlich intensiven und temporären Kugelkontakte erwirken einen hoch differenzierten Berührungsreiz. Hier geht es um die Mechanorezeptoren in den jeweiligen Hautregionen (glatte oder behaarte Haut). Sie erfüllen die Aufgaben der Wahrnehmung und Identifizierung externer Reize (exterozeptive, haptische Informationsleitung). Eingeordnet werden sie in verschiedene Reaktionspotentiale:

  • schnelle räumlich bewegte mechanische Reize à reaktionsschnelle Rezeptoren (Meissner Tastzellen, Paccini Körperchen)
  • konstante mechanische Reize à ausdauernde Reaktionspotentiale (Ruffini Körperchen, Merkelzellen)

Je nach Übungsgeschwindigkeit werden über die Hautwahrnehmung (taktile Reizsetzung) lebenswichtige Rezeptoren geschult. Die Kombination von Kugelbewegung und festem Aufdruck des deepRING (Bsp. Scheich) erwirkt somit einen hohen Reiz auf die wichtigen Wahrnehmungszellen der Kopf- und Nackenregion. Unterscheidet man weiter in die Reizstärke, könnte die Übung als niederschwelliger vibrotaktiler Reiz bezeichnet werden. Dieser erzeugt, durch schnell wiederkehrende sanfte Berührung, wohltuende eher belebende Empfindungen. Sie sind nach meiner Beobachtung (96 von 102 Probanden) als leicht nachwirkend und in häufigen Fällen der Nackenverspannung als schmerzlindernd einzuordnen. Die Ermüdung dieser „sanften“ Rezeptoren zeigt sich durch einen Empfindungswechsel von „Wohlsein“ zu „leichter Ermattung“ die sofort nach Übungsende abklingt. Vergleichbar ist dies mit streichelnden Berührungen auf derselben Körperregion. Finden sie monoton statt beginnen sie zu stören, weil die Nerven müde/überreizt sind. So können kurze Übungseinheiten (ca. 2 Minuten) das System der Rezeptoren schulen, es wecken und quasi belohnen, denn die Übung sollte nur im positiven Empfindungsbereich ausgeführt werden. Eine längere Übungsdauer ist, mit Blick auf dieses System, nicht zu empfehlen. Dafür ist es durchaus nützlich die Übung täglich durchzuführen.

Die wirkungsvolle, nachhaltige Schmerzlinderung bei Verspannungen ergibt sich nicht aus den oberflächlichen Rezeptoren, sie ist vorrangig dem Trainingseffekt der tiefen, wirbelsäulennahen Muskulatur zuzuschreiben.

Tiefliegende Wirkung

Durch das Auflagern von Gewicht (hier 1,5 kg als Unwuchtsystem) auf dem Kopf werden die Halsmuskeln reflektorisch aktiviert. Dies dient dem Schutz der fragilen Halsregion und offensichtlich der gesamten Wirbelsäulenstatik. Denn als Ergebnis ist eine sofortige Aufrichtung des Rumpfes und der Hals-Kopf-Position (80 Probanden) sehr aussagekräftig – Eine Bestätigung des leicht zu beobachtenden Phänomens, dass sich in Ländern zeigt, in denen Menschen traditionell große Lasten auf dem Kopf transportieren. Meine These, dass Nackenverspannungen und Spannungskopfschmerzen eine schlecht angesteuerte Muskulatur als Ursache haben, wird durch diese Länder und die Trainingserfolge mit dem deepRING untermauert. Er aktiviert die tiefliegenden, schwer ansteuerbaren kleinen Muskelgruppen und erwirkt so ein differenziertes Zusammenspiel der diversen Muskelpartner und ihrer faszialen Strukturen. Diese scheinen durch die feine Kompression und die kurzzeitigen Scherkräfte durchaus positiv auf den Bandscheibenstoffwechsel im Halswirbelbereich und den häufig verdichteten Gewebemantel um die Wirbelsäule (Ligamente und tiefe Halsfaszie[1]) zu wirken. Zudem ergibt sich eine feine mobilisierende Bewegung des Rückenmarks. Auch das Aktionspotential der tiefliegenden Rezeptoren sollte Erwähnung finden. Die Tiefenwahrnehmung (Propriozeption) spielt hier eine übergeordnete Rolle. Mithilfe der zusätzlich involvierten Muskelrezeptoren (Golgi-Sehnen-Organ und Muskelspindel) werden Kraft-, Bewegungs- und Stellungsinne maßgeblich geschult. Hierzu sind zusätzlich die im faszialen Gewebe angesiedelten Wahrnehmungszellen (Ruffini- und Paccini Körperchen) als Informationsgeber nötig. Je nach Bewegungsamplitude (Range of motion – ROM) werden sowohl die wirbelsäulennahen kleinen Muskeln aktiv, als auch die oberflächlichen großen Nachbarn (z.B. Mm. sternoclaidomastoideus, trapecius p. d.).

Im Kontext hierzu erscheint es als solide Theorie, dass durch die fließende, wiederkehrende Bewegung eine Art Kalibrierung der feinen Wirbelbogengelenke (Facettengelenke) der Halswirbelsäule (HWS) stattfinden kann. Ein interessanter Aspekt nicht nur für Verspannungsproblematiken und die Prävention und Rehabilitation einer häufig auftretenden Facettengelenksarthrose[2] die dringend eine saubere Feinabstimmung der tiefliegenden Muskeln benötigt. Auch nach leichten Hirnverletzungen[3] und HWS-Trauma könnte diese Technik möglicherweise für eine Funktionsschulung nützen.

Die Übungsamplitude der HWS wurde in meiner Umfrage zur Wahl gestellt. Als Übungseinstieg musste jedoch eine Ruhestellung des Kopfes mit Erspüren der Situation (Befinden, Schwindel, Körperposition) durchgeführt werden. Die Bewegung startet nach Wohlbefinden. Das Ringgeräuschempfinden wurde während der Übung abgefragt.

Vestibularapparat und Gehör

Natürlich hört man dem deepRING zu. Die Kugeln erzeugen ein zumeist als angenehm empfundenes Geräusch, das oft mit Kieselsteinen oder Meeresrauschen verglichen wird. Interessant wird hier ein präventiver Kontext zu Altersdemenz und Hörverlust. Das geschulte Gehör gilt als wichtiges Wahrnehmungssystem das den Verlauf von Altersdemenz[4] [5] verlangsamend beeinflussen kann. Wenn auch viele kognitiven Studien unter dem Einfluss von Musikgenuss durchgeführt wurden, wäre die berechtigte Frage erlaubt, ob ein an Bewegung gekoppeltes als angenehm empfundenes Geräusch eventuell ähnliche präventive Effekte bereithält. Körperliche Schäden scheinen bei Training mit dem deepRING ausgeschlossen, denn die Übung wurde bei Unwohlsein, Schwindel (1 Proband) oder Angst (1 Proband) abgebrochen. Epilepsie und starker Schwindel galten ohnehin als absolutes Ausschlusskriterium (Kontraindikation).

Durch die unterschiedlich starken Kopfbewegungen wird das im Innenohr liegende Gleichgewichtsorgan deutlich gefordert. Als peripheres vestibuläres System[6] [7] umfasst es drei Bogengänge, in verschiedener Anordnung, die Informationen zur Drehbeschleunigung liefern und zwei mit träger Flüssigkeit (Endolymphe) gefüllte Säckchen (Makulaorgane) für lineare Beschleunigungsinformationen. Ein wacher Blick in den üblichen Alltag lässt nun vermuten, dass sich die Nutzung/Förderung dieses wichtigen Gleichgewichtssystems nur selten als funktionell erfüllt erweist. Die Übung „Scheich“ ermöglicht eine umfangreiche, feine Gleichgewichtsschulung, denn sie nutzt sämtliche relevante kognitive Stimulationswege: das vestibulare, das propriozeptive und nicht zuletzt auch das visuelle System, die Augen. Die Übung kann mit Augenfokus, spielenden Augenbewegungen oder auch mit geschlossenen Augen stattfinden. Dieser visuelle Aspekt war in der Umfrage nicht enthalten.

Als Resümee möchte ich mich bei allen Probanden bedanken. Ich stehe nun noch überzeugter dafür, mehr kognitive Kopf- und Nackentrainingsziele zu verfolgen. Diese Belastungsform ist derzeit wenig erforscht[8] [9] und es gehört immer etwas Mut dazu, Lasten auf dem Kopf zu (er)tragen, denn in unserer industriellen Welt liegt noch viel therapeutischer Fokus auf der vorrangig passiven Nackenentlastung. Ein System zu entlasten, dass sich danach sehnt, mehr funktionelle Leistungskapazitäten für den Alltag zu erlangen, scheint mir gerade nach dieser Umfrage überdenkenswürdig. Ich empfehle, wenigstens zwei- bis viermal wöchentlich das alkoholfreie, aber dennoch prickelnde Erlebnis „Champagner im Kopf“ zu genießen – als eine Art Zähneputzen für die kognitiven Sinne.

Nici Mende

[1] Kondrup F. et al., The deep fascia and ist role in chronic pain and pathological conditions: A review, Clinical Anatomy, 2022
[2] Gellhorn A.C. et al., Osteoarthritis oft he spine: the facet joints, Nature reviews. Rheumatology, 2013
[3] Galea O., O’Learyab S., Treleaven J., Cervical musculoskeletal and sensorimotor impairments 4 weeks to 6 months following mild traumatic brain injury: An observational cohort study, Musculoskeletal Science and Practice, 2022
[4] Livingston G. et al., Dementia prevention, intervention, and care: 2020 report of the Lancet Commission
[5] Lin  F. R. et al.,Hearing loss and incident dementia, Archives of neurology, 2011
[6] Khan S., Chang R., Anatomy of the vestibular system: a review, Neuro Rehabilitation, 2013
[7] Das vestibuläre System | | Trainer (trainer-magazine.com)
[8] Rodríguez-Sanz J. et al.,Comparison of an exercise program with and without manual therapy for patients with chronic neck pain and upper cervical rotation restriction. Randomized controlled trial, PeerJ 2021
[9] Bernal-Utrera C. et al., Effect of Combined Manual Therapy and Therapeutic Exercise Protocols on the Postural Stability of Patients with Non-Specific Chronic Neck Pain. A Secondary Analysis of Randomized Controlled Trial, Journal of clinical medicine, 2021
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