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Training und Therapie: Wo sind die Schnittstellen?

Training und Therapie: Wo sind die Schnittstellen?

Fitnesstrainer und Physiotherapeuten tun oft schwer damit, miteinander zu kommunizieren bzw. zu kooperieren, obwohl dies der Gesundheit der Kunden bzw. Patienten sehr zuträglich wäre. Thomas Armbrecht – Trainer und Therapeut – erklärt im Interview, warum dies seiner Meinung nach so ist und was Fitnesstrainer von Therapeuten lernen können.

Der Bereich „Medical Fitness“ boomt. Was sind deiner Einschätzung nach die wesentlichen Gründe hierfür?

Sport und Training ist heute mehr als der allwöchentliche Kick in einer Hobbymannschaft, wie es teilweise noch vor zehn Jahren war. Die heutige Fitnessbewegung will schneller, höher, weiter – und das am besten in kürzester Zeit. Das bringt generell viele Probleme mit sich, die häufig in der Frühphase versucht werden zu übergehen. Das rächt sich meistens. Dazu kommt, dass sich viele Menschen sowohl von Fitnesstrainern als auch von der klassischen Schulmedizin und Krankengymnastik nicht richtig beraten und verstanden fühlen. Der Ausweg ist dann häufig der Crossover von Fitness und Rehab. Eine Entwicklung, die ich generell sehr begrüße, sofern die Qualität der Angebote stimmt.

Wie beurteilst du die Entwicklung dieses Marktes?

Bei der Etablierung der Fitnessindustrie ging es im ersten Schritt primär darum, Fitness, Training und Krafttraining salonfähig zu machen. Mit aktuell über 11 Millionen Mitgliedern in Deutschland ist dies gelungen. Nach der Etablierung kommt es zur Ausdifferenzierung der Märkte. Dabei spielt immer wieder der Begriff „value for money” eine entscheidende Rolle. Ich denke, es wird weiterhin Discountanbieter geben, bei denen das Mitglied für erschwingliches Geld Zugang zu hochwertigem Equipment bekommt.Allerdings trainiert man dort häufig in überlaufenen Studios und vor allem ohne qualifizierte Anleitung. Der zweite große Bereich sind die sogenannten Microstudios mit ihrem individuellen Angebot für das anspruchsvolle Publikum, das großen Wert auf seine Gesundheit und Fitness legt und bereit ist, mehr Geld zu investieren, um Zeit zu sparen.

Fitnesstrainer und Physiotherapeuten sind nicht immer sehr gut aufeinander zu sprechen. Woran liegt das deiner Meinung nach?

Ich glaube, es liegt an der Kommunikationsbarriere, die zwischen den einzelnen Disziplinen herrscht. Der Physiotherapeut belächelt häufig die mangelnde Grundausbildung des Trainers, während der Trainer das häufig fehlende Wissen über (Kraft-)Training, Planung und Steuerung sowie Übungsauswahl und Ausführung der Physiotherapeuten kritisiert. Anstatt sich die Hand zu reichen und sich unwissend zu zeigen, was meiner Meinung nach ein Zeichen von Stärke ist, verharrt jeder in seinem eigenen Kompetenz- und Wohlfühlbereich. Dennoch sehe ich die Entwicklung in den letzten fünf Jahren als sehr positiv an. Ich denke, da wird sich zukünftig noch einiges tun.

Worin bestehen die wesentlichsten Unterschiede zwischen den Ausbildungsschwerpunkten, der Arbeitsweise und dem Selbstverständnis von Physiotherapeuten und Fitnesstrainern?

Der Physiotherapeut ist einer der härtesten Ausbildungsberufe, die ich kenne. Du lernst in drei Jahren unfassbar viel über den Aufbau und die Funktionsweise des Menschen und wirst vor allem – und ich denke, das ist der große Unterschied – mit dem Gefühl „Scheiße, ich habe absolut nichts verstanden“ nach der Ausbildung raus auf den freien Markt geschickt. Dein Selbstbewusstsein ist aufgrund all der Fragen, die sich dir stellen und die du nicht beantwortet bekommst, extrem klein. Der Fitnesstrainer hingegen braucht zwangsläufig keine Ausbildung, da die Berufsbezeichnung nicht geschützt ist. Als Nächstes – das werden viele Trainer nicht gerne hören – ist die Thematik nicht so komplex wie in der Therapie. Ich möchte die Arbeit und das Wissen der Trainer nicht schmälern, aber: Du kannst auch mit wenig Know-how einen unsportlichen Menschen durch Training verbessern und positiv beeinflussen. In der Therapie funktioniert das nicht. Verstehst du das Problem deines Kunden nicht in seiner Vollständigkeit, wirst du in der Regel kaum Behandlungserfolge erzielen. Die Fitnesstrainer – da sollten sich Therapeuten aller Disziplinen eine Scheibe von abschneiden – leben oft ihren Beruf 24 Stunden am Tag und sind deutlich offener für Themen wie „Ernährung“, „Regeneration“ und „Leistungsoptimierung“. Was diese Berufsgruppe auch häufig wirtschaftlich erfolgreicher werden lässt als den durchschnittlichen Therapeuten ist, wie zu Beginn angesprochen, das Selbstbewusstsein. Trainer haben häufig – zu Recht – keine Hemmungen, Preise von 100 Euro und mehr die Stunde aufzurufen.

Was sind jeweils besondere Stärken bzw. Schwächen der beiden Berufsgruppen?

Als Trainer bist du häufig mehr als der Kerl, der dir sagt, wie viel Gewicht du wie oft zu bewegen hast. Du bist Freund, Weggefährte und Berater – und das häufig über viele Jahre. Menschen, die sich z. B. Personal Training leisten können, sind beruflich so eingespannt, dass sie dich als Trainer regelmäßiger sehen als ihren besten Freund. Das macht dich zu einem ganz besonderen Ansprechpartner in ihrem Leben. Trainer können also häufig leichter als Therapeuten positiven Einfluss auf sehr viele Lebensbereiche nehmen. Das finde ich großartig und das liebe ich auch an meiner Arbeit als Trainer. Als Therapeut hingegen kannst du massive Erfolge in deutlich kürzerer Zeit als beim Training mit den Kunden feiern. Wenn Knie-, Rücken- oder Nackenschmerzen nach ewiger Zeit weg sind und die Leute sich endlich wieder schmerzfrei bewegen können, bist du der Held. Darüber hinaus kannst du Retter in der Not sein. Letztes Jahr habe ich beispielsweise eine Hochzeit gerettet. Der Bräutigam hatte sich am Tag der Trauung durch eine Wirbelblockade einen Nerv eingeklemmt und konnte weder sitzen noch stehen. Nachdem alles korrigiert wurde, konnte die Hochzeit wie geplant gefeiert werden. Das sind die kleinen Geschichten, die das Therapeutenleben so spannend und bedeutungsvoll machen.

Was könnten Trainer von Physios lernen und was Physios von Trainern?

Trainer können fachlich sehr viel über Anatomie, Biomechanik und funktionelle Zusammenhänge von den therapeutischen Kollegen lernen. Die Therapeuten hingegen müssen unbedingt lernen, wie man einen Muskel aufbaut. Ich sehe immer wieder Therapeuten, die nach dem Nebensatz „… und dann stabilisieren wir das und bauen Muskeln auf“ ein gelbes Theraband auspacken. Ich denke, es ist klar, worauf ich hinaus möchte: Einen Muskel baut man mit vielen Wiederholungen außerhalb der Komfortzone auf. Das kann langweilig und stupide sein, aber anders geht es nicht. Ich würde mir wünschen, dass die Therapie 2.0 das versteht, umsetzt und am besten durch eigene Anwendung auch lebt.

Wie könnten es die beiden Berufsgruppen schaffen, sich zum Wohl ihrer Kunden intensiver abzustimmen und zu kooperieren?

In erster Linie durch regelmäßigen interdisziplinären Austausch und das Besuchen von Fortbildungen und Seminaren, die beide Disziplinen miteinander verbinden. Das fördert neben der gegenseitigen Akzeptanz für die Sache auch die Sprache miteinander. Weiterhin empfehle ich jedem Trainer, einen guten Therapeuten an der Hand zu haben. Das zeugt von einem professionellen Netzwerk und kann dabei helfen, verletzungsbedingte Absagen für Trainingseinheiten zu reduzieren. Der Therapeut hingegen kann Patienten zur Steigerung der Leistungsfähigkeit und zum Muskelaufbau an Trainer weiterleiten. Beide Seiten profitieren so von erhöhtem Terminaufkommen und dem Know-how des anderen.

In deiner Praxis bist du sowohl therapeutisch als auch als Personal Trainer tätig. Welche Zielgruppe nimmt in erster Linie beide Angebote wahr und wie gestaltest du den Übergang?

Neben den Fußballprofis aus Premier League und Bundesliga, die immer interdisziplinär betreut werden, beginnen 95 Prozent aller Kunden zuerst auf der Behandlungsbank und finden dann einen fließenden Übergang auf die Trainingsfläche. Zuerst gilt es, Dysfunktionen zu erkennen, diese zu beheben und zu verbessern und den neuen besseren Zustand anschließend zu stabilisieren. Das ist ein logisches und für Patienten verständliches Konzept. Daher stellt sich nicht die Frage, ob es wirklich nötig ist, etwas aktiv zu machen. Ich lese immer wieder in diversen therapeutischen Foren, wie Kollegen von Protesten der Patienten berichten, wenn es um Eigeninitiative, Hands-off und Training geht. So was finde ich schade, denn auch hier macht ein selbstbewusster Ton die Musik. Du bist Trainer oder Therapeut, du entscheidest, was die besten Erfolge bringt!

Profitieren deiner Meinung nach auch Patienten/ Kunden mit Vorschädigungen, wie z. B. einem Bandscheibenvorfall, oder Senioren vom Training mit Gewichten?

Wie bereits gesagt, geht es darum, ein Problem zu lösen oder – allgemeiner gesagt – die Leistungsfähigkeit zu verbessern. Anschließend muss der bessere Zustand stabilisiert werden. Stabilität entsteht durch mehr und besser koordinierte Muskeln. Wer sind die Menschen, die die stärksten Muskeln haben? Bodybuilder und Kraftsportler. Also tun wir am besten das Gleiche wie sie: Krafttraining mit Lang- und Kurzhanteln. Aus Gründen der Ökonomie und Effizienz bieten sich zunächst Grundübungen wie Kreuzheben, Kniebeugen, Bankdrücken und Klimmzüge in all ihren Variationen und Abwandlungen an. Davon profitieren alle Patienten und Kunden. Mein ältester Kunde ist 72 Jahre alt und hebt 62,5 kg. Das muss nicht sein. Aber es geht ihm gut und macht ihm Spaß.

Wie können sich Trainer physiotherapeutisches Wissen aneignen, ohne gleich eine ganze Ausbildung zum Physiotherapeuten zu absolvieren?

Ich biete eine eigene Weiterbildungsreihe mit vier Modulen an. Vom Sportstudent über Personal- und Athletiktrainer bis hin zum Arzt ist dort alles vertreten. Die Teilnehmer lernen in den ersten beiden Modulen das Erkennen von Dysfunktionen der unteren bzw. oberen Extremität, welche funktionellen Zusammenhänge sich aus den vorhandenen Dysfunktionen ergeben und wie man gezielt positiven Einfluss darauf nehmen kann. Dabei liegt der Fokus auf Übungen, die Hands-off funktionieren und somit auch für jeden Trainer anwendbar sind. Modul 3 beschäftigt sich mit den Grundlagen des Krafttrainings und ist gerade für Physiotherapeuten interessant und wichtig. Welche Grundübungen gibt es, wie führe ich Patienten mit Einschränkungen step-by-step an diese Übungen ran und wie kann ich den Trainingsprozess planen und steuern? In Modul 4 geht es um das Thema „Markenbildung“ und die Frage: Wie mache ich mich selbstständig? Von den ersten Schritten über Webauftritt und Marketing bis hin zur Rechnungsstellung und zum Datenschutz wird alles besprochen, was für junge Trainer und Therapeuten wichtig ist. Aktuell ist die Fortbildungsreihe sehr gut gebucht und mich erreicht tolles Feedback. Das freut mich und macht mich unheimlich stolz.

Wo sind aus deiner Sicht die häufigsten Dysfunktionen bei „Büroathleten“ lokalisiert ?

Generell muss man zwischen primären Dysfunktionen, den daraus resultierenden Kompensationen und sekundären Dysfunktionen als Spätfolge unterscheiden. Die häufigsten primären Dysfunktionen sind Verschiebungen oder Kippungen der Beckenschaufeln durch auf- und absteigende Ketten. Diese können Probleme in der Ledenwirbelsäule und in den Kniegelenken verursachen. Der Körper registriert diese Dysfunktionen, ohne das wir es bewusst wahrnehmen, und reagiert auf sie. Ist beispielweise eine Beckenschaufel nach hinten gekippt, baut der Körper eine Schutzspannung im M. Iliacus und M. Quadratus Lumborum auf. Diese Schutzspannung stabilisiert die vorhandenen Dysfunktionen. Das bedeutet gleichzeitig: Dehnen hilft nicht bei solchen „Verkürzungen“. Der Muskel ist nicht einfach zu kurz und muss auf Länge gebracht werden, sondern der Muskel ist aus einem spezifischen Grund zu stark angesteuert. Löst du die Dysfunktionen, wird es für den Körper keinen Grund mehr geben, die Schutzspannung aufrecht zu erhalten.

Bei welchen Beschwerdebildern/Problemen sollten Trainer ihre Kunden an einen Physiotherapeuten oder Arzt verweisen?

Generell bin ich ein Freund davon, den eigenen Kompetenzkreis gut zu kennen und diesen nicht zu überschreiten. Man muss nicht auf alles ad hoc eine passende Antwort parat haben. Bei strukturellen Schäden sowie neurologischen Auffälligkeiten sollten Trainer ihren Kunden definitiv empfehlen, einen Physiotherapeuten, Osteopathen und am besten auch einen Arzt zu konsultieren. Das ist professionell und sorgt in der Regel für kürzere Ausfallzeiten der Klienten. Ist z. B. ein Gelenk angeschwollen, deutlich erwärmt, in seiner Beweglichkeit eingeschränkt oder ist das aktive Bewegen nicht mehr endgradig und schmerzfrei möglich, macht es Sinn, auf Hilfe aus dem eigenen Netzwerk zurückzugreifen.


„Die komplette Ausgabe findest Du hier

 

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