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Kunstlicht

Wie es unsere Gesundheit beeinflusst |

Mittlerweile erfährt das Thema „Licht“ viel Aufmerksamkeit gerade durch Persönlichkeiten wie Ben Greenfield, Andrew Huberman, Alexander Wunsch und Satchin Panda. Daniel Sentker erklärt, wie (Kunst-)Licht unsere Gesundheit und Leistungsfähigkeit beeinflusst.

Wie stand es um die Gesundheit von uns Menschen vor 30 oder 150 Jahren? Definitiv hatten wir damals andere Probleme und jede Generation hat andere Herausforderungen. Trotzdem gibt es einen Trend, der mir als Therapeuten Sorgen macht. Es geht um die Stabilität von uns Menschen. Nehmen wir das Bild eines Wassereimers, der unsere Widerstandsfähigkeit widerspiegeln soll. Dieser wird gefüllt mit all dem chronischen Stress, den wir heutzutage haben, und ist daher bei vielen Menschen am Überlaufen. Es ist Stress in Verbindung mit einem hyperkomfortablen Leben, das aus der evolutionären Sichtweise so noch nie existiert hat und mit vielen bequemen Annehmlichkeiten und ständig verfügbaren Medien und Licht verbunden ist. Aber was macht das mit unserer Gesundheit?

In meiner Praxis bestätigt sich das Bild, das ich oben dargestellt habe. Es gab noch nie so viele Patienten mit Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht, Diabetes und Bluthochdruck. Zudem sind Erkrankungen wie Depressionen und Schlafstörungen weit verbreitet. Das ist ein Problem für uns Therapeuten, da es ein multifaktorielles Thema ist, das nicht einfach zu behandeln ist. Die Lösung für diese Probleme liegt nicht im höheren Konsum von Nahrungsergänzungsmitteln oder Medikamenten, die uns häufig eine schnelle Verbesserung versprechen, sondern in der Analyse der Gründe für den chronischen Stress.

Eine nachhaltige Lösung für echte gesundheitliche Veränderung ist, die Ursachen für den chronischen Stress zu analysieren und zu beheben. Hier kommen wir auf unsere Mitochondrien, die Kraftwerke der Zellen in unserem Körper. In der modernen funktionellen Medizin gilt es als wichtiges Ziel, diese kleinen Organellen gesund zu halten. Organellen sind spezialisierte Strukturen im Inneren der Zelle, die spezifische Funktionen wahrnehmen, um die Zellen am Leben zu halten. Was hat einen starken Einfluss auf diese Kraftwerke? Licht.

DIE GESCHICHTE DES LICHTS

Licht war in der Geschichte der Menschheit schon immer ein wichtiges Thema. Die Ägypter haben Licht vergöttert, die Griechen haben ihre Tempel nach dem Licht ausgerichtet und schon Hippokrates hat von Heliotherapie für medizinische und psychologische Zwecke gesprochen. Dass die Sonne wichtig ist für unser Leben, wurde vielen mit der industriellen Revolution schmerzlich bewusst. Es hat die Menschen mehr in die Städte gezogen, der Himmel war voller Ruß, der die Sonnenstrahlen blockierte und damit Erkrankungen wie Tuberkulose, Rachitis und Osteoporose förderte. Experten wurde so immer klarer, wie wichtig Licht für den Körper ist. Schon um 1933 war bekannt, dass Sonnenlicht bei mehr als 165 Krankheiten eine heilende Wirkung hat und z. B. blutdrucksenkend wirkt, den Blutzucker reguliert und Autoimmunerkrankungen lindert. Diese Erkenntnisse passen auch mit modernen Metaanalysen zusammen, die ein erhöhtes Sterberisiko mit weniger Sonnenexposition in Verbindung bringen.

LEDS UND GLÜHBIRNEN

Im Zuge der industriellen Revolution wurde es dank der Glühbirne auch möglich, die Nacht zum Tag zu machen und sich in Räumen aufzuhalten, in die kein natürliches Licht eindrang. Damit wurde das natürliche Spektrum des Sonnenlichts, das von ca. 250 nm bis 3 000 nm reicht und von morgens bis abends ein balanciertes Spektrum aufweist, aus dem Alltag verdrängt. Mehr als 40 Prozent des Sonnenlichts besteht aus Infrarotstrahlung, das bekanntermaßen tagsüber auch einen Effekt auf unseren Körper hat. Deshalb war es einigen Experten zufolge nur eine Frage der Zeit, bis gesundheitliche Probleme entstehen würden, wenn wir uns nur in künstlich beleuchteten Umgebungen aufhalten.
Spannend ist, dass die „alte“ Glühbirne mit einem Wolfram-Glühdraht immer noch einen Großteil an Infrarotstrahlung hat; dieses Spektrum fehlt bei einer LED (Leuchtdiode). Für die Industrie steht im Vordergrund, das visuelle Spektrum abzubilden, ohne die Frage zu stellen, wie natürlich und gesund diese Form von Licht für uns ist. LEDs sind heutzutage favorisiert, weil sie energieeffizient sind.
Unser Körper empfindet das LED-Licht als natürlich, wird aber getäuscht, da die LED kein volles Spektrum aufweist. Das Problem von LEDs ist also die künstliche Spektralverteilung und damit auch der überproportional große kurzwellige Blaulichtanteil dieses Spektrums. Zudem kommen Lichtflimmern und die unnatürliche Intensität des Lichts auch noch dazu. Ein anderes Beispiel ist die natürliche Adaptation der Pupille am Abend, um mehr Licht ins Auge zu lassen. Hier ist Feuer neben dem Mondlicht die einzige natürliche Lichtquelle und stellt kein merkliches Problem für unsere Augen dar. Die negativen Auswirkungen von künstlichem Licht, das auf die erweiterte Pupille trifft, stellen den Körper vor neue Herausforderungen.
Dr. Alexander Wunsch, ein Arzt aus Heidelberg, der sich seit Jahren auf das Thema „Licht“ spezialisiert hat und Autor des Buches „Die Kraft des Lichts“ ist, erklärt es so, dass in der Natur blaues und rotes Licht in einer natürlichen Balance auftreten. Vereinfacht gesagt wirkt blaues Licht oxidierend und stimulierend und rotes Licht hat einen regenerierenden Effekt auf unsere Zellen. Dies wird auch in Studien gezeigt, bei denen Mitochondrien nur mit Blaulicht bestrahlt wurden und dies zum Zelltod führte. Wurde hingegen blaues und rotes Licht gleichzeitig genutzt, hatte die Bestrahlung keinen merklichen Effekt auf die Zellen.

IST KÜNSTLICHES LICHT SCHÄDLICH?

Von „blauem Licht“ spricht man bei einer Wellenlänge von ca. 380 bis 495 nm. Es handelt sich um kurzwelliges und sehr energiereiches Licht und ist pauschal gesehen natürlich nicht direkt schädlich. Im unnatürlichen Kontext hingegen, z. B nachts, wirkt bei modernen Displays, LEDs und Energiesparlampen ein überproportional hoher Anteil an blauem Licht auf uns ein, dem wir Beachtung schenken sollten. Da sich ein Bewusstsein für die Schädlichkeit des blauen Lichts ausbreitet, haben führende Smartphone-Hersteller einen Night-Shift- Modus eingeführt, um blauem Licht am Abend entgegenzuwirken. Aber reicht das? Es ist schon lange bekannt, dass in Arealen, wo mehr Lichtverschmutzung durch Kunstlicht in der Nacht vorhanden ist, mehr Schlafmedikamente genommen werden. In einer Studie aus Schweden, bei der 109 672 Krankenschwestern von 1989 bis 2013 begleitet wurden, konnte ein Zusammenhang zwischen erhöhtem Brustkrebsrisiko und ALAN (artificial light at night) nachgewiesen werden. Zudem gibt es einige Experten, die u. a. psychische Erkrankungen, Burnout, Kurzsichtigkeit, Übergewicht und die Degeneration der Netzhaut mit ALAN in Verbindung bringen.
Zusammenfassend lassen sich zwei Hauptelemente ausmachen: der direkte Effekt von Blaulicht auf die Gesundheit unserer Augen und der indirekte systemische Effekt, der den gesamten Körper beeinflussen kann. Die Experten sind sich darin einig, dass das Hauptorgan zur Wahrnehmung des Lichts unsere Augen sind.

MELANOPSIN UND UNSER AUGE

Seit dem Jahr 2002 hat sich einiges verändert, da bis dahin nur Zapfen und Stäbchen in der Netzhaut bei den Menschen als Lichtsinneszellen bekannt waren, die für das bildformende Sehen verantwortlich seien. Neu hingegen waren Zellen für das nicht-bildformende (nbf) Sehen, die einen Einfluss auf viele Körperfunktionen haben und dem Körper helfen, sich langfristig an die Lichtverhältnisse der Umgebung anzupassen.
Wissenschaftler wie Samer Hattar von der Johns Hopkins University haben das lichtempfindliche Cryptochrome Pigment Melanopsin entdeckt, das in rund 2 Prozent der Ganglienzellen der Netzhaut vorkommt. Diese Zellen, auch intrinsisch photosensitive retinale Ganglienzellen (ipRGCs) genannt, sind über den Sehnerv u. a. mit dem Nucleus suprachiasmaticus verbunden, der in unserem Gehirn der Hauptzeitgeber der inneren Uhr ist. IpRGCs dienen der Erfassung der Umgebungshelligkeit und haben eine maximale Empfindlichkeit bei 480 nm, also direkt im blauen Spektrum. Diese Zellen erweisen sich als wesentliche Stellschrauben für die Synchronisation der inneren Uhr, haben einen Einfluss auf den Pupillenreflex und mittlerweile nachgewiesen auch einen Einfluss auf unsere Stimmung.
Die bekannteste Funktion dieser Zellen ist jedoch die Verbindung zum Melatoninhaushalt des Körpers. Im normalen Tagesrhythmus des Körpers beginnt nach dem Sonnenuntergang die Produktion des Schlafhormons Melatonin. Intensives Licht zur falschen Uhrzeit stimuliert die ipRGCs und hat somit einen negativen Einfluss auf den Melatoninhaushalt des Körpers. Mittlerweile ist das Photopigment Melanopsin auch in Fettzellen nachgewiesen worden, was viele weitere Fragen aufgeworfen hat. Intensives Licht im Sommer lässt dadurch Fettzellen kleiner werden, weniger Licht im Winter hat einen gegenteiligen Effekt. Es scheint, dass „Übergewicht“ auch durch Licht beeinflusst werden kann. Fakt ist, dass die Komplexität und das Zusammenspiel zwischen Körper und Natur faszinierend sind und wir wahrscheinlich erst am Anfang der Erforschung dieser multiplen Phänomene stehen.

LICHTHYGIENE IN DER PRAXIS

Viele meiner Patienten mit Schlafproblemen haben ein höheres Schmerzempfinden und weisen Zeichen der Degeneration der Wirbelsäule auf. Nicht nur ältere Menschen, auch die junge Generation hat mittlerweile dieses Problem. Wie passen Schmerzen, Schlaf und Degeneration der Wirbelsäule zusammen? Tatsächlich gibt es Studien, die zeigen, dass jede Bandscheibe eine eigene innere Uhr hat und Probleme entstehen, wenn diese innere Uhr durch Licht zur falschen Uhrzeit stimuliert wird. Zudem gibt es auch Studien, die einen schlechten Schlaf mit einem erhöhten Schmerzempfinden in Zusammenhang bringen.
Grundsätzlich ist mir das echte Verständnis dafür wichtig, dass künstliches Licht am Abend in jeglicher Art und Weise unnatürlich für uns ist. Daher empfehle ich, am Abend intensives Deckenlicht zu meiden und stattdessen Kerzen, Salzkristall- Lampen und rotes Licht einzusetzen. Zudem sorgen Blueblocker-Brillen, die blaues Licht bis 500 nm filtern, bei vielen Menschen für eine kürzere Einschlafphase und eine bessere Schlafqualität – außerdem schützen sie die sensiblen Zellen in der Netzhaut.

FAZIT

Das Thema „Licht“ ist sehr komplex. Grundsätzlich lässt sich aber ableiten, dass wir Menschen mehr dem Takt der Natur folgen sollten. Aus meiner Sicht ist die Lösung nicht, sich in eine Höhle zurückzuziehen, sondern moderne Vorzüge klug zu nutzen. Das Thema „Licht“ besser zu verstehen hat sehr viel Potenzial hinsichtlich der Gesundheit und Leistungsfähigkeit. Gerade Tools wie Blueblocker- Brillen und gute Lichtlösungen für den Abend sind aus meiner Sicht ein hilfreicher Ansatz. Am Ende ist es immer die Frage, ob ich an der Ursache arbeite oder nur Symptome behandle. Gerade für Therapeuten, Trainer und Coaches empfehle ich grundsätzlich, sich mit den Themen „Stress“, „Licht“, „Photobiomodulation“ und „Circadianer Rhythmus“ intensiv zu beschäftigen.


DANIEL SENTKER

Der Autor hat am Anglo European College of Chiropractic (AECC) graduiert. Neben seiner Tätigkeit als Chiropraktiker ist er Mitgründer des Unternehmens Lichtblock und Host des Podcasts „Lichtblock Professionals“.
www.lichtblock.shop


Fotos: ohsuriya – stock.adobe.com, Daniel Sentker

Dieser Artikel ist aus der TRAINER-Ausgabe 6-2022:

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