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Pilatesstudio geht online – ein Erfahrungsbericht

Pilatesstudio geht online – ein Erfahrungsbericht

Wir befinden uns im Jahre 2020 n. Chr. Die ganze Republik ist vom Covid 19-Virus besetzt… Die ganze Republik? Nein! STOPP! An dieser Stelle muss ich etwas abweichen vom originalen Text aus den Asterix Heften. Denn der Kreis Heinsberg, in dem dieser Bericht spielt, ist bereits drei Wochen eher als alle anderen Regionen von dem berüchtigten Virus besetzt und im Ausnahmezustand. Hier, am westlichen Ende von Deutschland, nimmt an Karnevalsdienstag, es ist der 25. Februar 2020, die Corona-Krise ihren unaufhaltsamen Lauf. Die Schulen schließen und alle sind in Alarmbereitschaft. Doch ein von unbeugsamen Erkelenzern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten. Und das Leben ist nicht leicht für die Erkelenzer Pilates-Szene.

Als sei es nicht aufwändig genug, ein reines Pilatesstudio in einer ländlichen Region wie dem Kreis Heinsberg zu etablieren, kommt es direkt nach Bekanntwerden der Verbreitung des Virus zu deutlichen Umsatzeinbußen. Die Kunden sind verunsichert, einige zählen zur Risikogruppe oder beides. Also nutze ich mein Netzwerk. Just 12 Stunden bevor die Tagesschau vom ersten Corona-Fall in Deutschland berichtet, versorgt eine befreundete Apotheke uns mit Desinfektionsmitteln. Noch ahne ich nicht, was da auf uns zurollt. Oder vielleicht doch? Denn ich stimme meine Kunden schon darauf ein, dass sie bald mit Videos turnen können, wenn der Weg ins Studio nicht mehr möglich ist. Wie das funktioniert? Keine Ahnung. Doch ich habe schon viele Videos gedreht (zugegeben, da war ich allerdings immer auf der anderen Seite der Kamera), das sollte doch zu stemmen sein. Eine Kamera habe ich. Aber ist die überhaupt geeignet? Was brauche ich noch? Licht, Ton und ein Portal, auf das alles hochgeladen wird. Am besten verschlüsselt. Es soll ja in erster Linie für meine Kunden sein. Die verzeihen uns hoffentlich auch, wenn zu Anfang noch die Bilder wackeln oder Schatten im Gesicht sind. Und los geht die Recherche! Und die erste Probeaufnahme. Die sofort gelöscht wird, weil sie katastrophal ist. Ok, so funktioniert es nicht. Also wieder das Netzwerk anwerfen: wer kennt sich aus mit Kameraeinstellungen? Wer hat Licht? Und so fügen sich die Bausteine am Set im Studio zusammen, während ich im Hintergrund mehr über Kanäle wie YouTube und Vimeo erfahre. Aber noch eilt es ja nicht. Der Betrieb läuft, wenn auch nicht mehr rund, weil das Virus tut, was es am besten kann: sich rasant verbreiten. Und was kann ich gut? Ideen haben und hartnäckig sein. Die nächste Idee, Kurse im Live-Stream anzubieten, liegt nah. Und wieder tauchen dieselben Fragen auf: Was brauche ich dafür, wie geht das überhaupt? Neben der eigentlichen Technik dann noch Fragen wie: Wie lade ich Kunden dazu ein? Wie sieht ein Stundenplan aus? Was braucht der Kunde, welche Kursformate sind geeignet usw.?

Und dann geht alles ganz schnell. Freitagabend, es ist der Freitag der 13., erhalte ich einen Hinweis darauf, dass es sehr wahrscheinlich zu einer Schließung vieler Einrichtungen kommen wird. Mir wird ganz mulmig, ich habe zwar noch Hoffnung, nutze aber doch den Samstag, um weiter zu recherchieren und Equipment zusammen zu stellen. Sonntagabend steht dann fest: Ab Dienstag, 17. März, müssen wir schließen. Und während viele Kollegen sich noch winden und nach Ausnahmen suchen, gibt es für uns nur einen Gedanken: Nicht um die vergossene Milch weinen. Flucht nach vorne. Wir kämpfen und setzen all unsere Kraft ein, um für unsere Mitglieder sofort Alternativen zu bieten und unser wirtschaftliches Überleben zu sichern.

Der Montag ist schrecklich: mein Stundenplan ist voll mit PT-Kunden, die Kollegen trainieren in den anderen Kursräumen zum letzten Mal die Gruppen. Alle haben ein mulmiges Gefühl, Tränen fließen und aufmunternde Sprüche sind zu hören. In Hintergrund laufen die Vorbereitungen für die Online-Trainings. Wir haben uns für Zoom entschieden. Ein etablierter Anbieter mit vielen Möglichkeiten. In den kurzen Pausen mache ich die ersten Versuche. Eine Mitarbeiterin kümmert sich um die Änderungen im Buchungssystem. Und legt, weil meine Anweisung nicht deutlich genug war, den ersten Online Kurs für Dienstagabend an. Und ehe wir uns versehen, gibt es die ersten Buchungen. Was nun? Absagen und vertrösten? Kommt für uns nicht in Frage. Wenigstens einen Tag Zeit für die Vorbereitungen hätte ich uns zwar gerne gegeben, doch meist sind diese schnellen Aktionen die Besten. Wer zu viel Zeit hat, befasst sich auch schnell mit unnötigen Dingen. Und da fällt mir die 80/20 Regelung ein, das sogenannte Pareto-Prinzip. Dieses Prinzip besagt, dass man oft mit nur 20 Prozent Einsatz 80 Prozent des gewünschten Ergebnisses erreicht. Für hier und jetzt die optimale Grundlage.
Und siehe da, unser erster Online-Kurs findet genau 23 Stunden nach Schließung des Studios statt. Und zwar reibungslos! Die Pflicht funktioniert. Jetzt geht es um die Kür: Technik, Audio und Video verbessern. Umgang mit dem Programm optimieren. Die Trainerkollegen im Studio einweisen in Präsentation vor der Kamera. Und das ganze Drumherum: Newsletter an alle Kunden schreiben, Website aktualisieren, Soziale Netzwerke anwerfen. Ich weiß nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Zum Glück ist mein Team die ganze Zeit in Rufbereitschaft. Jeder hat seine Aufgabe, von mentaler bis technische Unterstützung. Das macht Mut, uns allen, auch unseren Kunden. Nächste Woche, wenn die Kurse alle einmal stattgefunden haben und Routine eingekehrt ist, wird es bestimmt ruhiger, hoffe ich. Weit gefehlt! Jetzt geht es erst richtig los: Kunden müssen betreut und unterstützt werden. Wie kommt man in die Meetings/Online-Kurse? Mein Ton funktioniert nicht. Ich habe kein Bild. Wann kommt der Link mit der Einladung und was muss ich dann tun? Und ein Teil der Kunden hat den digitalen Weg zu uns noch nicht gefunden. Wir müssen andere Wege finden, um auch sie zu erreichen. Und plötzlich: Neukunden! Teilnehmer der umliegenden Studios fragen an, ob sie auch mitmachen dürfen. Und mittlerweile haben wir, nachdem wir unser Online Angebot auch bei anderen Dienstleistern veröffentlicht haben, Anfragen aus allen Ecken des Landes. Noch ist es etwas mühselig, die Kurse zu verwalten und den Teilnehmern den Link zum jeweiligen Kurs zu schicken. Da kommt die nächste gute Nachricht: ab sofort gibt es eine neue Funktion in der Verwaltungssoftware. Eine Verknüpfung von Buchung durch den Kunden und automatischer Einladung zum Online-Kurs. Herrlich, eine große Erleichterung! Diese Zeitersparnis wird direkt genutzt. Die erste Anfrage eines mittelständischen Unternehmens kommt. Wir sollen die knapp 100 Mitarbeiter, von denen die meisten im Homeoffice sind, per Stream bewegen. Wir starten sofort. Und noch bevor ich ein Angebot an das Unternehmen schicke, findet am nächsten Tag die erste bewegte Mittagspause statt. 25 Mitarbeiter sind dabei, am nächsten Tag sind es schon 34. Die Personalverwaltung ist begeistert und wir für die nächste Zeit täglich gebucht.

Und noch immer keine Zeit zum Luft holen. Ich bekomme Mails von Kollegen. Wie geht das mit den Online-Kursen? Kannst du mir helfen? Ich überlege kurz, starte eine Umfrage in der Community. Am nächsten Tag ist klar, da ist mehr Bedarf. Nichtsahnend, was da eigentlich auf mich zukommt, biete ich ein kostenloses Tutorial für Kollegen an. Und weil es schnell gehen muss, schon in zwei Tagen. Ich fange an, mich vorzubereiten und stelle fest: Online-Kurse geben, kein Problem. Eine Online-Schulung geben? Das erfordert andere Tools. Mittlerweile gibt es 25 Kollegen, die dabei sein möchten. Also muss ich das irgendwie hinkriegen. Meine Mitarbeiterin und Kollegin Ewa will helfen. Prima, das nehme ich gerne an. Und so sitzen wir an einem Samstagvormittag an unseren Rechnern und sehen in den kleinen Fenstern auf unseren Monitoren fast 70(!) Kollegen in unserem Zoom Meeting. Eine Mischung aus Fortbildung, Kollegenaustausch und Klassentreffen. Einfach toll! Und in all diesem Trubel kommt eine Anfrage vom TRAINER Magazin: Kannst du dazu etwas schreiben? Um Mut zu machen. Ja, das mache ich. Die Krise kann ich nicht ändern. Aber ich kann jeden ermutigen, nach vorne zu schauen. Und wenn ein Rückschritt kommt, nutze ich den als Anlauf für die nächsten Pläne.

Stefanie Rahn (Inhaberin PilatesLesson Erkelenz)

 

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